"Wir allein entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist." - Elbenbrosche in Edoras, eigenes Foto, 2005
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Montag, 11. Januar 2010, 01:11

Wochenendende, trübsalselig

Gerade geht ein für mich ziemlich trübseliges Wochenende zu Ende, das sicherlich eher nicht als sonderlich rühmlich oder bemerkenswert in meine ganz persönliche Chronik des laufenden Jahres eingehen wird. Ich blicke auf eine ziemlich ungenießbare Mixtur aus Langeweile, Einsamkeit und Schlafmangel zurück. Und die Chancen stehen gar nicht so schlecht dafür, daß das noch eine ganze Zeit so weitergeht. Wobei früher oder später noch der Faktor Streß dazukommen könnte. Aber immer schön der Reihe nach.

Zur Zeit hänge ich wieder einmal ganz schön in der Luft. Ich habe mich in den letzten drei Wochen seit dem Ende meines vergleichsweise kurzen Projektes in Dortmund um diverse Projekte bei verschiedenen Anbietern beworben, und obwohl es in allen diesen Fällen (wie in dieser Branche üblich) schnell-schnell gehen soll und man als externer Mitarbeiter immer möglichst spätestens vorgestern für Projekte bereitstehen soll, lassen die Projektgeber mich wie üblich allesamt erst einmal hängen. Und dies teilweise schon seit vor Weihnachten.

Zumindest hatte mir das die Gelegenheit gegeben, die Weihnachtsfeiertage und die Zeit "zwischen den Jahren" in Ruhe mit meiner Liebsten zu verbringen. Natürlich hätte ich mich während dieses Zeitraumes auch auf irgendein Projekt vorbereiten können, sofern ich denn gewußt hätte, auf was für eines, und welche Technologien dafür überhaupt benötigt werden. Aber der durchschnittliche Projektgeber zieht es ja leider vor, einem dies frühestens einen Tag vor Projektbeginn mitzuteilen, so daß man sich erst dann einarbeiten kann, wenn keine Zeit mehr dafür vorhanden ist.

Im Laufe der gerade vergangenen Woche habe ich noch eine ganze Reihe weiterer Projektbewerbungen geschrieben, auf welche ich ebenfalls noch keinerlei Antworten bekommen habe. Nach Aussage der Vermittler wird angeblich um diese Zeit des Jahres bei den Projektgebern noch nicht gearbeitet, wobei ich mich ehrlich gesagt so langsam zu fragen beginne, wieviel Urlaubstage eigentlich der durchschnittliche Entscheider in derartigen Personalfragen haben muß, wenn vor und nach Ablauf der Ferien offenbar immer wochenlang niemand im Hause ist.

Wenn es dann irgendwann losgeht, wird wieder alles schnell-schnell gehen müssen. Von einem Tag auf den anderen muß man sich auf ein vollkommen neues Projekt einstellen, und zwischendurch darf man sich an den Wochenenden darum kümmern, am Einsatzort des Projektes eine Wohnung zu finden - solange der Projektvertrag denn überhaupt lange genug läuft, daß sich dies lohnt, denn angesichts von Maklergebühren, meist erst nach vielen Monaten zurückgezahlten Mietkautionen und nicht zuletzt dem Weiterzahlen der Miete bis zum Ablauf der dreimonatigen Kündigungsfrist kann eine Anmietung für nur einen kurzen Zeitraum ziemlich teuer werden.

Dieses Wochenende wäre noch einmal eine Gelegenheit gewesen, in Ruhe und Frieden etwas Zweisamkeit zu verbringen, vielleicht das letzte Mal für längere Zeit. Aber von den ganzen maßlos übertriebenen Horrormeldungen in allen Medien über Schneestürme, Streckensperrungen nach Eisenbahnunfällen und was-weiß-ich-noch-alles getrieben hatte meine Liebste bereits am Donnerstagabend "aus dem Bauch heraus" entschieden, dieses Wochenende lieber zu Hause zu bleiben, anstatt mich (wie ursprünglich geplant) in Bielefeld zu besuchen. Daß ich wegen der winterlichen Straßenverhältnisse und der ständigen Gefährdung durch Sommerreifenfahrer nicht mit dem Auto zu ihr fahre, stand sowieso von vornherein fest.

Entgegen meinem am Telefon geäußerten Ratschlag, doch erst die tatsächlichen Wetter- und Verkehrsverhältnisse am Freitag abzuwarten, hatte sie ihre Entscheidung bereits am Donnerstag unumstößlich gemacht, indem sie erst gar keine Reisetasche gepackt und (wie in solchen Fällen üblich) gleich mit zur Arbeit genommen hat. Als am Freitag dann sämtliche Züge wieder fuhren und auch kein sonderlich schlimmes Wetter in Sicht war, bildete die nicht gepackte Tasche dann das Argument dafür, nicht doch noch zu mir zu fahren. Man könnte fast glauben, daß das Bedürfnis, mich zu sehen, dann wohl nicht allzu groß gewesen sein kann.

Dafür mußte ich aber am Freitagnachmittag noch ganz kurzfristig zur Post losziehen, um ihr auf die Schnelle noch all diejenigen Sachen, welche sie beim letzten Besuch bei mir vergessen hatte, in die Firma zu schicken, damit sie diese auch bloß am Montag zur Verfügung hat. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, wieso ich diverses Schminkzeug auf diese Weise versenden mußte, während Madame sich bei ihrem Anruf nach eigener Aussage gerade in einem Schminkladen befand und dort offenbar (jedenfalls hörte es sich für mich so an) mehr oder weniger die gleichen Artikel gekauft hat. Aber ich habe vermutlich auch kein besonderes Talent zum Frauenversteher.

Eine Stunde lang habe ich allein dafür benötigt, mit Mikroschrott Word einen mehr oder weniger passenden Adreßaufkleber für das blöde Päckchen zu drucken, weil die dafür verwendete Kiste noch mit diversen amerikanischen Zoll-Aufklebern vollgeklebt war, welche ich natürlich irgendwie überkleben mußte. Hoffentlich ist die ganze Sendung wenigstens nicht noch am Samstag ausgeliefert und dann wegen zu geringer Größe des Briefkastens wieder mitgenommen oder gar vor der Tür liegengelassen worden. Was mitten in der Innenstadt von Bochum natürlich eine ganz tolle Idee wäre, aber bei der Post kann man ja nie wissen...

Auf diese Weise außerplanmäßig alleingelassen, konnte ich in der Nacht zu Samstag überhaupt nicht schlafen. Ein paar Stunden habe ich am Rechner gesessen, einige mit Lesen verbracht und zwischendurch immer wieder versucht, Müdigkeit zu entwickeln, aber letzten Endes war doch alles vergeblich. Um 8 Uhr morgens hatte ich es satt, noch einmal ins Bett zu gehen, so daß ich dann lieber aufgestanden bin und nach dem Frühstück eine "kleine" Winterwanderung unternommen habe. Natürlich war der in allen Medien groß angekündigte Scheesturm auch weiterhin ausgeblieben, es rieselten bloß Heerscharen kleiner Flöckchen leise und friedlich vom Himmel.

Also bin ich mit der Straßenbahn nach Gadderbaum gefahren und habe dort zunächst einen relativ sinnfreien Geocache gesucht und gefunden, für den dem Owner offenbar kein besserer Titel als ein simples "Bielefeld" eingefallen ist. Die Tarnung dieses Caches bestand fast nur aus Schnee, so daß ich mich ehrlich gesagt frage, wie er es angesichts des giftgrünen Deckels geschafft hat, bereits vor dem Winter mehrere Monate lang an dieser Stelle zu überleben, ohne von irgendjemandem gesehen und geklaut zu werden. Schließlich gibt es in diesem Stadtviertel auch heutzutage sogar noch Kinder! Aber vermutlich beschränkt sich deren Neugier inzwischen auch nur noch auf den Computer, den Fernseher und die Playstation.

Aufgefallen ist mir unterwegs übrigens, daß insbesondere in der Umgebung des neuen Baugebietes für neureiche Einfamilienhäuser an Ellerbrocks Hof höchstens die Hälfte der Anwohner überhaupt ihrer Schneeräumpflicht nachkommt. Teilweise scheint dort den ganzen Winter über noch niemand geschippt zu haben. An einer dieser Stellen hatte es allerdings jemand fertiggebracht, ein fast perfekt kreisrundes Loch in den tiefen Schnee zu kotzen. Lecker! Weiter oberhalb in Bethel waren ein paar städtische Arbeitskräfte damit beschäftigt, im Zeitlupentempo auf einigen Gehwegen Split zu streuen. Ich hoffe doch sehr, daß die Jungs nicht unterwegs festgefroren sind.

Der zweite Geocache, den ich mir für diesen Tag zu finden vorgenommen hatte, begann in einem Park. Dort angekommen, wurde ich zunächst gefühlt zwanzig Minuten lang von einem finster dreinblickenden Opa mit Hund begafft, bis diesem endlich zu langweilig wurde und er weiterging. Zur Ermittlung der Koordinaten für die zweite Station mußten Nieten an einer Parkbank gezählt werden. Nachdem ich die Bank vom Schnee befreit hatte, stellte ich fest, daß sie sich obendrein auch noch unter einer mehrere Zentimeter dicken Eisschicht befand. Glücklicherweise hatte ich meinen Wanderstab dabei, mit dessen eiserner Spitze ich auch das Eis abschlagen konnte.

An der zweiten Station sollte sich der weiterführende Hinweis in Form eines Nanos in einem Wurzel-Loch befinden. Die Koordinaten wiesen dann auch mitten in ein Wäldchen. Seien wir doch einmal ehrlich: Wer versteckt einen Nano im Wald? Und warum? An der fraglichen Stelle gab es jedenfalls neben einigen kleineren Bäumen einen sehr dicken Baum und einen noch dickeren Baumstumpf, die beide über einem extrem matschigen Bach standen und die beide vor allem auf der Bachseite hunderte von Wurzellöchern ausgebildet hatten, in denen man hunderte von Nanos hätte verstecken können.

Nachdem ich ungefähr eine Stunde lang beide Bäume einer gründlichen Untersuchung unterzogen hatte, bei der ich mehrfach bis zum Rand meiner Stiefel im Schlamm des Baches versunken war und durch ständige Rutschpartien den gesamten Abhang in eine einzige Schlammwüste verwandelt hatte, war ich immer noch so schlau wie zuvor. Der Lust-Faktor bezüglich der Suche nach diesem Cache hatte längst den Fahrstuhl ins siebzehnte Untergeschoß genommen. Also entschloß ich mich, einfach nur noch einen längeren Waldspaziergang zu machen, dabei aber hin und wieder auch nach möglichen weiteren Stationen des Caches Ausschau zu halten - man weiß ja nie...

Abgesehen von einem sehr dekorativ in einer Ritze zwischen zwei Zaunpfählen aus Beton steckenden, abgebrochenen Küchenmesser konnte ich jedoch nichts Verdächtiges mehr finden. Dafür habe ich jedoch wenigstens eine sehr schöne Winterwanderung durch den tief verschneiten Teutoburger Wald gemacht. In der Umgebung der kleinen alten Steinbrüche oberhalb des Eggeweges, westlich gegenüber von Haus Salem, hatte der Nordwind für ganz ordentliche Schneeverwehungen gesorgt. An mehreren Stellen sackte ich bis zu den Knien, einmal sogar bis zur Hüfte in die weiße Pracht ein. Ich hätte angesichts der ständigen Meldungen über den Klimawandel nicht gedacht, daß ich so etwas in meinem Leben in unseren Breiten noch einmal erleben würde.

Auf dem Rückweg mußte ich für meine Mutter beim Marktkauf noch Vogelfutter kaufen, weil ihr die Restbestände vom Vorjahr bei der aktuellen Witterung doch sehr schnell ausgegangen waren. Wir haben dieses Jahr nämlich erstaunlich viele Blaumeisen auf der Terrasse, die ich meines Wissens schon mehrere Jahrzehnte lang nicht mehr oder zumindest nicht mehr bewußt gesehen hatte. Auch ein paar Kohlmeisen, Rotkehlchen und vor allem die Amseln kommen gerne vorbei. Die Kassiererin im Marktkauf war von meiner weißen Kaninchenfellmütze so begeistert, daß sie fast vergessen hätte, daß der Kunde vor mir eigentlich noch bezahlen mußte.

Zu Hause eben aus der Straßenbahn ausgestiegen, fand ich am Fußgängerübergang ein Handy, welches nur wenige Zentimeter neben den Gleisen lag und um ein Haar von der Bahn überrollt worden wäre. Ich habe es sicherheitshalber mitgenommen und eine SMS an die letzte Nummer geschrieben, von der eine SMS eingegangen war. Prompt kam ein Rückruf des Besitzers, kurz darauf auch noch einer von seinem Neffen, und gerade einmal etwa 20 Minuten später konnte ich das Handy seinem zurückgekehrten Herrchen an der Haltestelle zurückgeben.

Es muß sich dabei um einen engen Verwandten von Rumpelstilzchen gehandelt haben, so ein Hutzelmännchen habe ich jedenfalls schon lange nicht mehr gesehen. Wie der mit seinen viel zu kurzen und viel zu dicken Wurstfingern die selbst für mich viel zu winzigen Tasten dieses Handys bedienen können soll, ist mir immer noch schleierhaft. Ebenso übrigens die Tatsache, wieso eigentlich alle Raucher Analphabeten zu sein scheinen, denn trotz des ausdrücklichen und absolut unübersehbaren Rauchverbotes wird an den meisten Straßenbahnhaltestellen gequarzt, was das Zeug hält.

Anschließend habe ich mich zum Mittagessen an den aufgetauten Resten der Lammhaxe versucht, welche meine Mutter irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr gekocht hatte, obwohl eigentlich niemand diesen Braten hatte haben wollen. Irgendwann reicht es ja auch mal mit der Völlerei! So war denn ziemlich viel liegengeblieben. Hatte dieses Fleisch unmittelbar nach dem Braten schon ganz fürchterlich zum Himmel gestunken, so war nach dem Auftauen und Aufwärmen der Geruch jetzt kaum noch zu ertragen. Mehr als die Hälfte dieses "Essens" habe ich schließlich weggeschmissen, weil ich mich einfach nur noch davor ekelte.

Nach dem Essen habe ich mich dann schnurstracks in die Badewanne begeben, um mich nach der ungefähr vierstündigen Winterwanderung wieder aufzuwärmen. Meine Mutter meinte mir wegen der Kälte und des Essens wiederholt einen Schnaps anempfehlen zu müssen, auf welchen ich aber so gar keine Lust hatte. Statt dessen habe ich mich damit begnügt, eine Stunde lang im warmen Wasser zu liegen. Anschließend gab es dann auch schon wieder Abendessen, erneut Reste, diesmal jedoch von der Weihnachtsgans. Dummerweise waren diese so ungeschickt aufgeteilt, daß das erste der beiden Pakete fast nur Knochen enthielt. Also mußten wir das zweite auch noch auftauen und warm machen, und das war dann für zwei Personen massiv zu viel.

Danach war ich so platt, daß ich sofort ins Bett gefallen und eingeschlafen bin und nicht einmal mehr mitbekommen habe, daß meine Liebste mich noch per Telefon zu erreichen versucht hatte (obwohl ich ihr ja eigentlich schon längst per SMS geschrieben hatte, daß ich sofort schlafen wollte). Nach 14 Stunden Schlaf war ich immer noch müde und bekam außerdem Kopfschmerzen, die den ganzen Sonntag über anhielten. Demzufolge bin ich den ganzen Tag über nicht mehr zu allzu vielen sinnvollen Tätigkeiten gekommen. Somit plätscherte also auch der letzte Tag dieses trübseligen Wochenendes einigermaßen langweilig vor sich hin.

Vier Stunden habe ich damit verbracht, einen Blog-Beitrag zu schreiben, aber als ich fast fertig damit war, kachelte Firefox ab, und der gesamte Text schien verloren. Obwohl die Blog-Software angeblich ständig zwischenspeichert, fand ich ihn auch nirgendwo mehr wieder. Glücklicherweise hatte ich erst kürzlich das äußerst nützliche Addon Lazarus Form Recovery für Firefox installiert. Lazarus merkt sich sämtliche Formular-Eingaben in einer eigenen kleinen Datenbank und hatte auf diese Weise tatsächlich vollautomatisch die Arbeit mehrerer Stunden für mich gerettet. Ich glaube, ich sollte den Autoren dieses Addons mal freiwillig etwas für dieses tolle Stück Software bezahlen!

Den Rest des Tages oder besser Abends habe ich damit verbracht, nach vielen Monaten, die sie mittlerweile bereits bei mir herumliegt, endlich einmal die CD "Pagan Folk" von Omnia anzuhören, die ebenso wie die beiden nachfolgenden CDs dieser Band bisher ein Opfer akuten Zeitmangels geworden waren. Schließlich hatte ich sie mir noch vor dem stressigen und extrem zeitraubenden Projekt bestellt, das mich den ganzen November und fast den ganzen Dezember über auf Trab gehalten hat. Das gleiche Schicksal teilt übrigens ein ganzer Stapel von Büchern, welcher seit Weihnachten noch einmal merklich angewachsen ist.

Nachdem ich mich erst kürzlich mühevoll durch das leider wenig empfehlenswerte Buch "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehrmann gequält hatte, in dem der Autor nichts Besseres zu tun hat, als über 300 Seiten lang längst verstorbene Geistesgrößen wie Alexander von Humboldt und Johann Carl Friedrich Gauß, die sich zu seinem Glück leider nicht mehr wehren können, in den Schmutz zu ziehen, versuche ich mich jetzt gerade am mittelalterlichen "Reisebericht" des Ritters (?) John Mandeville, dessen Reisen ihn angeblich ins Heilige Land und darüber hinaus ins ferne Asien, nach Indien und China geführt haben sollen.

Größtenteils fiktional und aus den Weltbeschreibungen anderer Autoren abgeschrieben, allerdings lebhaft und mit zahlreichen spannenden Anekdoten erzählt, war dieses Buch aus dem 14. Jahrhundert schon vor, aber erst recht nach der Erfindung des Buchdruckes einer der absoluten Bestseller des Mittelalters. Wenn ich mich erfolgreich durch die etwa 300 Seiten dieses Werkes hindurchgekämpft haben werde, warten noch mindestens 15 weitere ungelesene Bücher mit einem Gesamtumfang von - grob geschätzt - 4.000 bis 5.000 Seiten auf mich. Also noch mehr als genug Lesestoff für viele weitere einsame, trübselige, schlaflose Nächte...

Mittwoch, 7. Oktober 2009, 20:10

Spaß mit CD-Brennprogrammen

Bis vor ein paar Jahren habe ich immer brav die Originale meiner Musik-CDs im Auto mit mir spazieren gefahren. Spätestens nach der zehnten teuren Original-CD, die entweder durch Einwirkung von Sommerhitze oder durch meinen leider etwas rabiaten CD-Player unwiderbringlich zerstört wurde, habe ich mich eines Besseren besonnen und führe seitdem nur noch Kopien meiner kostbaren CDs mit. Die Originale sind alle zu Hause sicher verwahrt, damit ich bei Bedarf darauf zurückgreifen kann. Abgesehen von ein paar CDs mit ebenso legal wie kostenlos aus dem Internet heruntergeladenen Songs einiger ziemlich exotischer Heavy-Metal-Bands zum Beispiel aus Rußland oder Brasilien habe ich selbstverständlich keine Kopien von Musikstücken im Auto, die ich nicht zuvor völlig legal erworben habe. Dies sei an dieser Stelle sicherheitshalber vorausgeschickt, um besserwisserische Kommentare zum Thema Urheberrecht zu vermeiden.

Nachdem sich im Laufe dieses Sommers wieder einmal einige meiner schon vor Jahren kopierten CDs witterungsbedingt verabschiedet hatten, hatte ich mir schon seit einiger Zeit vorgenommen, diese zu ersetzen. Zu meinem Erstaunen fand ich allerdings weder auf meinem in der Zwischenzeit neu gekauften Laptop noch auf meinem ebenfalls in der Zwischenzeit neu erworbenen Desktop-PC im Software-Menü irgendein Programm, das in der Lage gewesen wäre, Audio-CDs zu kopieren. Und dies, obwohl beide Rechner nicht nur über einen CD-Brenner verfügen, sondern auch als softwaremäßig ab Werk voll ausgestattet angepriesen wurden. Offenbar steht es mit derartigen Versprechungen ähnlich wie mit den Wahlversprechen in der Politik: Wenn es hinterher darauf ankommt, sind sie nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden.

Auf meinem Laptop fand ich schließlich irgendwo in einer alten Sonic-Installation, die ich offenbar vor Jahren mal mit irgendeinem gekauften Software-Paket miterworben hatte, aber mangels Bedarfs nie benutzt hatte, ein Brennprogramm, das behauptete, CDs kopieren zu können. Dessen Ergebnisse hielten allerdings nicht einmal den geringsten Qualitätsansprüchen stand, denn die damit gebrannte CD strotzte bereits im ersten Track nur so vor ärgerlichen Macken, Pausen und Klickgeräuschen. Auch die anderen vorgefundenen Programme halfen mir nicht weiter: Burn4free kann keine Audio-CDs kopieren, und andere Programme wie zum Beispiel Apple iTunes oder der Windows Media Player können zwar sehr wohl CD-Inhalte als mp3-Dateien importieren und diese evtl. hinterher auch wieder auf CDs brennen, aber zum einen ist das allerspätestens bei mehreren CDs viel zu umständlich und zum anderen geht beim Konvertieren in das mp3-Format einfach zu viel von den Originaldaten verloren.

Selbst ist der User! Also habe ich einige Zeit im Internet nach CD-Brennprogrammen gesucht, die in der Lage sein sollen, Audio-CDs zu kopieren. In einigen Foren fand ich dabei zunächst Hinweise auf ein Programm mit dem schönen Namen feurio!, welches als Shareware zum kostenlosen Testen aus dem Internet heruntergeladen werden kann. Beim Versuch, es auszuprobieren, erkannte das Programm jedoch meinen CD-Brenner nicht und schien damit zunächst hoffnungslos überfordert zu sein. Es verlangte von mir, einen kompatiblen Brennmodus aus einer ellenlangen Liste mit mir völlig unbekannten Einstellmöglichkeiten für irgendwelche exotischen CD-Writer mit teils völlig kryptischen Namen auszuwählen - eine Aufgabe, die wohl allenfalls ein absoluter Fachmann lösen könnte, während der Durchschnitts-User damit selbstverständlich völlig überfordert wäre. Also habe ich stumpf den ersten, voreingestellten Modus ausgewählt und das Programm trotz diverser Warnmeldungen einfach mal machen lassen.

Im Gegensatz zu dem vorher getesteten, ersten Brennprogramm schien feurio! die CD problemlos kopieren zu können. Die Klangqualität schien auf den ersten Blick exzellent, es gab keine Störungen oder Aussetzer. Beim kompletten Durchhören der CD begann ich mich dann aber nach einiger Zeit etws zu wundern, daß die Track-Anzeige beim zweiten Track stehenblieb, der laut der Anzeige meines CD-Players irgendwie länger und immer länger zu werden schien und tatsächlich den gesamten Rest der CD umfaßte, immerhin mehr als eine Stunde. Nachdem der letzte Ton der CD verklungen war, lief der Track seltsamerweise immer noch weiter. Als sich dann der letzte Ton etwa alle zehn Sekunden zu wiederholen begann und der CD-Player damit gar nicht mehr aufzuhören zu wollen schien, wurde mir schließlich klar, daß ich schon wieder einen CD-Rohling nutzlos verbraten hatte.

Die Tracks 3 bis 11, welche mir der CD-Player immerhin noch anzeigte, konnten gar nicht mehr angespielt werden, das Gerät suchte sich nach dem Inhalt der Tracks einen Wolf. Offenbar hatte feurio! zwar das Inhaltsverzeichnis der CD noch korrekt auf den Silberling geschrieben, sämtliche Inhalte des zweiten bis elften Tracks jedoch in den zweiten Track geschrieben und anschließend den Rest der CD noch etwas verhunzt. Irgendwie machte mir dieses Erlebnis leider wenig Mut, noch irgendwelche weiteren der vom Programm vorgeschlagenen Modi auszuprobieren, zumal ich für diese nirgends irgendeine Dokumentation finden konnte. Daß ich nach diesem Reinfall natürlich keine Lust verspürte, das Programm käuflich zu erwerben, sondern es statt dessen wieder deinstalliert habe, dürfte wohl irgendwie verständlich sein...

In einem anderen Diskussionsforum fand ich anschließend mehrere Hinweise auf ein kostenloses Programm namens Exact Audio Copy, das (wie der Name schon sagt) ebenfalls in der Lage sein sollte, Audio-CDs zu kopieren. Zu meiner Freude erkannte dieses Programm sofort nach der Installation meinen CD-Writer und behauptete, mit diesem Modell auch keinerlei Probleme zu haben. Ich legte also eine zu kopierende Original-CD ein und wählte im Menü die Kopier-Funktion aus. Daraufhin meckerte das Programm, es sei keine beschreibbare CD im Laufwerk. Gut, dachte ich mir, dann lege ich eben eine ein, die Software wird schon wissen, was sie tut. Weit gefehlt! Nach dem Einlegen versuchte Exact Audio Copy längere Zeit (natürlich vergeblich), die Tracks der Original-CD von demm gerade eingelegten Rohling zu lesen. Dann stürzte es mit einer unverständlichen Fehlermeldung ab. Dieses Verhalten war mehrfach reproduzierbar.

Offenbar ist Exact Audio Copy mit Rechnern, die nicht über zwei getrennte Laufwerke zum Lesen und Schreiben von CDs verfügen, hoffnungslos überfordert. Ist ja auch so selten! Schade, daß manche Entwickler nicht über ihre eigene Hardware-Konfiguration hinaus denken können. Einstellen kann man die zu verwendenden Laufwerke leider auch nirgends. Also blieb mir nur eines, nämlich, auch dieses Programm gleich wieder zu deinstallieren. Wobei der mitgelieferte Uninstaller die Software leider ebensowenig rückstandsfrei entfernte wie bei feurio!, denn bei beiden blieben sowohl die Einträge im Startmenü als auch der Programm-Ordner zurück und mußten danach manuell entfernt werden. Von dem mp3-Encocer, den ich mir noch woanders besorgen und händisch dazu installieren (und natürlich auch wieder deinstallieren) mußte, einmal ganz zu schweigen.

Im dritten Versuch gelang es mir schließlich doch noch, ein brauchbares Programm zum Kopieren von CDs zu finden. Es nennt sich CDBurnerXP, kommt offenbar aus Schweden und ist absolut kostenlos. Es erkennt mein CD-Kombi-Laufwerk problemlos und brennt, jedenfalls nach allen meinen bisherigen Versuchen zu urteilen, offenbar vollkommen einwandfreie CDs. Etwas irritiert bin ich allerdings noch angesichts der Tatsache, daß das Programm behauptet, daß die von mir verwendeten Rohlinge von imation angeblich kein Test-Schreiben zulassen würden, womit ich früher mit den selben Rohlingen aus der selben Packung (ich brenne nicht so viele CDs, eine 50er-Spindel hält bei mir ewig und drei Tage) niemals irgendwelche Probleme hatte.

Außerdem wirft es die Original-CD nach dem Einlesen nicht selbsttätig aus, weshalb ich mir nicht so ganz sicher bin, was passiert, wenn man vor dem Einlegen des neuen CD-Rohlings auf "brennen" klickt, und ich möchte dies sicherheitshalber auch lieber nicht ausprobieren. Aber letzten Endes zählt doch nur das Ergebnis, und es ist doch wohl besser, wenn die Software (auch ohne Testschreiben, dafür mit etwas Mitdenken von Benutzerseite) einwandfreie CDs produziert, als wenn trotz multipler nutzloser Gimmicks im Programm, stundenlanger vorgeblicher Tests und Warnungen des Benutzers vor seiner eigenen Dämlichkeit am Ende doch wieder nur unbrauchbare CDs beim Brennen herauskommen. Also werde ich dieses Programm jetzt einfach mal weiter verwenden, und wenn ich noch irgendetwas Neues darüber zu berichten haben sollte, werde ich dies bei passender Gelegenheit auch tun. Und bis dahin können mir alle als angeblich so toll angepriesenen, anderen Brennprogramme mal gestohlen bleiben!

Donnerstag, 17. September 2009, 14:12

Was ist eigentlich "geringe Schuld"?

Schon wieder ein interessantes Fundstück zum Thema des merkwürdigen Umganges unserer Rechtsprechung mit dem Thema Gewalt: In der Neuen Westfälischen von heute findet sich ein Artikel unter der Überschrift: Juristin soll eigenes Kind misshandelt haben. Ich denke, die NW wird es mir nicht übelnehmen, wenn ich an dieser Stelle aus diesem Artikel zitiere, damit der Sinn dieses Blog-Eintrages nicht verlorengeht, falls der Text irgendwann einmal im Archiv verschwinden sollte.

"Eigenwillige Erziehungsmethoden soll eine 47-jährige Bielefelder Volljuristin im Laufe des Jahres 2006 bei ihrem damals fünfjährigen Sohn angewandt haben. Weil das Kind keine Erbsen mochte, soll sie ihm beim Essen die Augen verbunden und es mit einer Gabel in die Hand gestochen haben, um es zum Verzehr des ungeliebten Gemüses zu zwingen. Bei einer anderen Gelegenheit soll die Frau [...] ihren Sohn mit einer Fahnenstange geschlagen haben. In zwei weiteren Fällen soll sie den Jungen mit einer Gabel in den Nacken gestochen und mit der Hand heftig gegen die Stirn geschlagen haben.

"Die Vorfälle wurden bekannt, weil der Fünfjährige einer Betreuerin im Kindergarten die durch die Misshandlungen entstandenen Verletzungen zeigte und erzählte, von wem und aus welchem Anlass sie ihm zugefügt worden waren. Von der Kita-Leiterin darauf angesprochen, soll die Mutter die Sachverhalte zugegeben, aber bagatellisiert haben. Die Polizei wurde informiert, die das Kind vernahm. Der Junge soll die Angaben, die er im Kindergarten gemacht hatte, wiederholt haben."

Zum einen frage ich mich natürlich, was eine Mutter dazu treiben kann, ihrem eigenen Kind so etwas anzutun. Für ein derartiges Verhalten gibt es in meinen Augen keine Ausreden. Es scheint ja offenbar nicht so zu sein, als ob der Mutter, vom Kinde bis zur Weißglut genervt, einmalig "die Hand ausgerutscht" wäre. Sondern die in diesem Artikel geschilderten Zwangsmaßnahmen erfüllen schon den Tatbestand der Folter. Wie die NW es ernsthaft wagen kann, so etwas lediglich als "Eigenwillige Erziehungsmethoden" zu bezeichnen, will mir nicht in den Kopf - ich finde diese verharmlosende Formulierung erschreckend!

Noch verstörender ist allerdings, wie die Justiz mit diesem Fall umgegangen ist: ""Die Staatsanwaltschaft Bielefeld erhob Ende 2008 Anklage wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und Körperverletzung gegen die Juristin. Vor einer Jugendrichterin fand jetzt in nichtöffentlicher Sitzung die Hauptverhandlung statt. Weil die Angeklagte von ihrem Schweigerecht Gebrauch machte, hätte sich die Notwendigkeit ergeben, den Sohn als Zeugen zu hören."

Warum eigentlich? In dem Artikel ist doch ganz deutlich davon die Rede, daß der Sohn bereits gegenüber der Kindergärtnerin und gegenüber der Polizei ausgesagt hat - und daß die Mutter die Mißhandlungen bereits zugegeben hatte! Wieso die Prozeßordnung es verlangen muß, daß trotz eindeutiger Sachlage nur dann ein Urteil möglich ist, wenn dem Kind wieder und wieder eine Aussage mitsamt dem Hochkommen der damit verbundenen Erinnerungen zugemutet wird, ist mir schleierhaft. Dem Wohl des Kindes sind solche Bestimmungen jedenfalls nicht zuträglich. Und so kam es am Ende, wie es kommen mußte:

""Der Junge befindet sich, wie auch seine drei Geschwister, mittlerweile in einer Dauerpflegefamilie." Warum wohl...?! "Die Pflegemutter und die anderen für das Wohl des Kindes zuständigen Personen waren der Meinung, dass eine Zeugenaussage die positive Entwicklung des Jungen stören würde und versagten ihre Zustimmung zur Vernehmung. Das Verfahren gegen die Mutter wurde daraufhin wegen geringer Schuld eingestellt."

Fazit: In unserem Rechtssystem ist es offenbar nicht möglich, trotz klarer Sachlage jemanden als Gewalttäter zu verurteilen, ohne das Opfer unnötig zu quälen. Und wenn diese Quälerei dem Opfer - das in diesem Fall ja längst ausgesagt hatte! - erspart bleiben soll, führt das dazu, daß die Gewalttat (trotz erfolgten Eingeständnisses, wenn auch nicht gegenüber der Polizei oder dem Gericht - offensichtlich kennt unser Rechtssystem also Zeugen erster und zweiter Klasse) vollkommen ungestraft bleibt.

Der größte Hohn ist allerdings die Begründung für die Einstellung: "geringe Schuld"! Wird die Schuld etwa dadurch geringer, daß dem Opfer die Qual einer erneuten Aussage erspart bleibt? Wird die Schuld etwa dadurch geringer, daß die Täterin die Aussage verweigert? (Denn anderenfalls wäre sie ja vermutlich doch verurteilt worden.) Wird die Schuld etwa dadurch geringer, daß die Angeklagte nicht zu ihren Handlungen steht? Oder verringert sich die Schuld etwa dadurch, daß der Prozeß mangels reißerischer Aussagen nicht spektakulär genug abgelaufen ist?

Aus Sicht der Gerechtigkeit leben wir wirklich in einem armen Land, wenn eine solche Farce eines Prozesses mit einem derart absurden Ausgang möglich ist! Zum Glück dürfte angesichts des biologischen Alters der Angeklagten wenigstens bei ihr persönlich eine Wiederholungsgefahr so gut wie ausgeschlossen sein. Das jetzige Urteil dürfte auf sie anderenfalls wohl kaum eine sonderlich abschreckende Wirkung gehabt haben. Und auf Gewalttäter in anderen Familien wirkt es mit Sicherheit sehr beruhigend: Einfach weitermachen wie gehabt, denn wenn man nur die Schnauze hält, kann einem letzten Endes doch überhaupt nichts passieren.

Mittwoch, 16. September 2009, 14:15

Bloß nicht wehren!

Alle Welt diskutiert gerade den Fall des 50jährigen Geschäftsmannes, der in München vier Kinder vor einem Raubüberfall zu schützen versuchte und seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlen mußte. Politiker aller Parteien instrumentalisieren den Vorfall im Wahlkampf für die seltsamsten Forderungen, meist nach noch mehr nutzlosen Überwachunskameras, für deren Überwachung überhaupt kein Personal vorhanden ist. Außerdem wird angesichts der Tatsache, daß etwa 15 Gaffer dem Mord tatenlos zugesehen haben, immer wieder zu mehr Zivilcourage aufgerufen.

Aber was passiert denn, wenn tatsächlich jemand erfolgreich helfend eingreift, oder wenn sich das Opfer eines brutalen Angriffes mit den ihm gerade zur Verfügung stehenden Mitteln erfolgreich gegen einen Angreifer zur Wehr setzt? Wie der Fall eines Studenten zeigt, der letztes Jahr ebenfalls in München von serbischen Schlägern angegriffen wurde und es wagte, sich zu wehren, entblödet sich in solchen Fällen unsere Justiz nicht, mal eben schnell das Prinzip von Täter und Opfer umzukehren und damit die Gerechtigkeit ad absurdum zu führen.

Weil er den Schläger in Notwehr schwer verletzt hatte, wurde der Student zu drei Jahren und neun Monaten Haft wegen angeblichen "versuchten Totschlags" verurteilt. Das zuständige Schwurgericht sah es in seiner Urteilsbegründung übrigens explizit als straferschwerend an, daß er sich "mehrfach als unschuldiges Opfer dargestellt" habe. Außerdem mußte er an den Täter einen Betrag von 12.500 Euro zahlen und sich bei ihm entschuldigen, was ich persönlich als besonders pervers empfinde.

Hier der vollständige Artikel aus der Münchner tz zur kürzlich erfolgten Überprüfung des Urteils durch den Bundesgerichtshof. Der Tatbestand des "vesuchten Totschlages" wurde dabei allerdings nicht in Frage gestellt. Offenbar ist auch der Bundesgerichtshof der Meinung, daß man sich gegen Angreifer nicht wehren darf, jedenfalls nicht mit wirksamen Mitteln, die den Angriff auch tatsächlich beenden könnten.

Was lernen wir daraus? Bloß nicht wehren! Wer sich gegen Angreifer wehrt, der muß sich hinterher bei diesen entschuldigen, ihnen Geld bezahlen und kommt dafür auch noch in den Knast. Nach der Meinung der Richter läßt man sich also wohl am besten widerstandslos totschlagen! Hauptsache, der ganze Vorfall ist hinterher gestochen scharf auf genügend Überwachungsvideos festgehalten, die man dann anschließend zur besten Sendezeit im Fernsehen senden und politisch ausschlachten kann.

Diese Konsequenz läßt natürlich auch den aktuellen Fall aus München in einem ganz neuen Licht erscheinen. Hätte einer der in den Medien kritisierten Gaffer tatsächlich so viel Zivilcourage bewiesen, dem Opfer beizustehen, und vielleicht einen der Täter dabei verletzt, säße der Helfer jetzt vermutlich im Gefängnis, während die Täter weiter frei herumlaufen und wehrlose Menschen ausrauben könnten. Aber angeblich leben wir ja in einem Rechtsstaat...

Sonntag, 30. August 2009, 15:06

Kreative Hinterhöfe

Gestern waren Felis und ich bei den Bielefelder Offenen Ateliers. Natürlich nicht bei allen, denn im Rahmen dieser Veranstaltung öffnen ungefähr 70 Künstler ihre Türen für die Öffentlichkeit. Um diese alle zu besuchen, dürften die anderthalb Tage sicherlich nicht ausreichen, selbst wenn man wie der Wind von Atelier zu Atelier hetzt und auch nicht noch vorher Stoffe kaufen geht.

Da wir gestern jedoch beides noch vorhatten, haben wir uns nur ein paar Ateliers herausgesucht, die allesamt im östlichen Innenstadtbereich angesiedelt sind, beispielsweise in der Münzstraße, am Brüderpfad sowie auf dem Gelände der Artists Unlimited. Dabei waren unterschiedlichste Kunstrichtungen vertreten, vom Fotokünster über moderne Maler bis hin zu bildender Kunst und Schmuckdesign.

Für mich persönlich ergab die gestrige Runde im Wesentlichen zwei Erkenntnisse. Zum einen hat mich die gesamte moderne sogenannte Malerei wieder einmal auf das Schwerste enttäuscht und mich in meiner Überzeugung bestätigt, daß dieser Zweig der Kunst mit dem Tode von Anders Zorn gestorben ist. Was sich heutztage noch Kunstmaler zu nennen wagt, besticht zwar in der Regel durch ziemlich viel Arroganz, dafür jedoch in keinster Weise durch Talent.

Den meisten Malwerken, die wir gestern gesehen haben, wohnte erschreckenderweise eine profunde Ausdruckslosigkeit inne. So, als ob die modernen Maler sich allesamt nur mit sich selbst beschäftigen würden anstatt mit dem dargestellten Objekt - sofern denn überhaupt eines zu erkennen ist. Thematische Leere, weitgehend sinnfreie Darstellungen, oftmals gar gepaart mit mangelhaften handwerklichen Fähigkeiten und oft sogar einem völlig fehlenden Sinn für Perspektive - sämtliche großen Maler der Kunstgeschichte würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüßten, daß so etwas in ihre Fußstapfen treten darf.

Andererseits gibt es aber auch durchaus noch Lichtblicke, und zwar vor allem im Bereich der Bildenden Kunst und der Fotografie. Der Sinn für das Objekt, der Blick für Details und die schöpferische Phantasie sind dem modernen Menschen offenbar glücklicherweise doch noch nicht völlig abhanden gekommen. In den Fotografien eines Peter Wehowsky oder in den aus zufälligen Funden in der Natur (oder auch mal in der heimischen Küche) erstellten kleinen Werken eines Wolfgang Waesch spiegelt sich dies eindrucksvoll wieder.

Und so ist es letzten Endes doch wieder ebenso erstaunlich wie versöhnlich, daß es sie doch noch gibt, die Kreativität, die in oft unscheinbaren Gassen oder Hinterhöfen wohnt und von dort aus ihren Weg in die weite Welt sucht, wie gleichsam umgekehrt die weite Welt ihren Weg in die Gedanken und Werke der Künstler sucht. Selbst wenn diese in einigen Fällen gar nicht mehr so gerne ihre kleine (heile?) Welt verlassen. Aber die Phantasie kommt offenbar noch zu ihnen. Vielleicht ist die moderne Kunst also doch noch nicht ganz verloren.

Samstag, 29. August 2009, 12:18

Erkenntnisse aus einem Labyrinth

Gestern Abend haben Felis und ich zusammen den Film Pans Labyrinth gesehen. Danach war ich erst einmal für mindestens eine halbe Stunde nicht mehr in der Lage, irgendein Wort zu sagen. Vielleicht auch für länger, aber mir ist in dem Moment irgendwie jedes Zeitgefühl abhanden gekommen. Und auch jetzt fühle ich mich noch völlig fertig.

Felis sieht in diesem Film ja etwas, das einem Kraft und Hoffnung geben kann. Etwas, das einen ermutigen soll, trotz allen Widrigkeiten und des bösartigen Realismus' der Welt um einen herum die Phantasie nicht aufzugeben. Etwas, das einen dazu bringen kann, das Positive zu sehen und den Glauben in die Zukunft nicht zu verlieren.

Ich kann diese Einschätzung leider überhaupt nicht teilen. Bei mir erweckt dieser Film eher den Wunsch, mich auf der Stelle zu erschießen. Jedenfalls macht er mich zutiefst depressiv. Wo ist denn hier die vielgepriesene Macht der Phantasie? Was bewirkt sie Gutes? Mir sagt der Film eigentlich nur, daß es völlig sinnlos ist, zu versuchen, seine Träume zu leben, weil einen letzten Endes die Wirklichkeit doch gnadenlos wieder einholt.

Abgesehen von seiner teilweise doch ziemlich grausamen Gewaltdarstellung deprimiert der Film vor allem dadurch, daß im Laufe der Handlung fast alle, die irgendwie als gut, positiv, moralisch integer oder auch nur schlicht und einfach unschuldig sind, dafür sterben müssen. Zwar wird am Ende auch der Bösewicht getötet, aber zuvor hat er und hat damit die Härte der Realität gegenüber so ziemlich allem triumphiert, was in der im Film dargestellten Welt erhaltenswert gewesen wäre.

Und die Phantasie? Die hat letzten Endes keinerlei wirkliche Macht. Zwar versucht der Pan, der ja im Mittelpunkt von Ophelias kleinem Ausschnitt der Anderswelt steht, im Mittelteil des Films, Ophelias Mutter zu helfen. Allerdings wird dabei noch nicht einmal klar, ob es sich dabei um einen wirklichen helfenden Eingriff handelt oder die ganze Sache lediglich nur der Einbildung des Mädchens entspringt.

Als am Ende des Films jedoch wirklich echte, konkrete Hilfe gefordert ist, erweist sich die Welt der Phantasie als vollkommen hilflos und machtlos. Der Pan kann Ophelia nicht retten, und eigentlich gerät sie erst dadurch, daß sie ihm folgt, überhaupt in die für sie tödliche Situation. Wäre sie einfach im Bett geblieben, hätten die Guerillas sie gerettet. Nur dadurch, daß sie ihrer Phantasie gefolgt ist, wird sie am Ende erschossen, bevor die Hilfe kommt.

Nun könnte man sicherlich sagen: Das Gute hat doch gesiegt, denn zum einen wird das Böse ausgelöscht, zum anderen sind alle (verstorbenen) Guten sich selbst treu geblieben. Und sie haben zumindest alle im Tode ihre Freiheit gefunden. Der Doktor, weil er dem Bösewicht mit seinen letzten Worten die Wahrheit gesagt hat. Ophelia, weil sie sich von ihrem Stiefvater in letzter Konsequenz nicht hat bestimmen und einschüchtern lassen.

Mit ist diese Einstellung entschieden zu christlich. Erinnert mich zu sehr an ach so glorreiche Märtyrertode. Oder auch an literarische Figuren wie zum Beispiel Lessings Emilia Galotti, deren moralische Konsequenz mir persönlich zutiefst zuwider ist. "Wer kann der Gewalt nicht trotzen?" Klar - indem man sich ihr ausliefert und sich von ihr vernichten läßt. Letzten Endes ist auch das doch auch alles nur eine beschönigende, selbstbetrügerische Form des Aufgebens.

Mir hat der Film jedenfalls im Endeffekt überhaupt nicht gefallen. Nicht, daß er irgendwie dazu angelegt wäre, gefällig zu sein, nein, das meine ich nicht. Mich hat er in ganz anderer Weise enttäuscht. Ich persönlich ziehe gerne Kraft aus Geschichten, die mir wirklich zeigen, daß Hoffnung, daß Glaube an die Zukunft, daß Phantasie nicht sinnlos sind. Sollte dies jemals die Intention des Regisseurs gewesen sein, so hat er dieses Ziel zumindest bei mir gnadenlos verfehlt. Mich hat der Film verängstigt und zutiefst getroffen. Es wird eine ganze Weile dauern, bis ich wieder in der Lage sein werde, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen.