"Wir allein entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist." - Elbenbrosche in Edoras, eigenes Foto, 2005
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Mittwoch, 9. Februar 2011, 09:44

Frauenquote und Selbstbetrug

In einem Blog-Eintrag von PickiHH zum leidigen Thema "Frauenquote" mußte ich heute Morgen wieder einmal das alte Märchen vom "Männersprech" lesen, welches angeblich in Führungsetagen ("Teppichetagen") von Unternehmen vorherrschen würde. Wie bitte? "Männersprech"? Was bitte soll das sein? Das Gelaber in den oberen "Teppichetagen" ist für Männer, die nicht schon von Beginn an dazugehören, genauso unverständlich wie für Frauen. Es ist sowohl ein Selbstbetrug als auch eine falsche Schuldzuweisung, dies als Frau auf die Geschlechterrolle zurückzuführen. Ohnehin sind die Unterschiede in den Denkweisen zwischen Individuen oft deutlich stärker als die, die man zwischen "den Geschlechtern" zu sehen versucht.

Ich hatte im Laufe meiner Karriere bisher oft genug mit Frauen in leitenden Positionen zu tun, die die Feinheiten des "Teppichsprech" mindestens genauso gut beherrschten wie ihre männlichen Kollegen, meist sogar besser. Gerade wenn es um betriebsinterne Intrigen und um Pöstchenschieberei und vor allem um Pöstchenverhinderei geht, stehen Frauen in diesen Etagen den Männern in nichts nach, sondern haben ihnen zumeist sogar noch etwas voraus, da sie eben nicht die beschriebene "Rücksicht" gegenüber dem vermeintlich "schwächeren" Geschlecht eingeimpft bekommen haben und dadurch einen letzten Endes entscheidenden Wettbewerbsvorteil haben.

Frauen in Führungspositionen verhalten sich oft wesentlich härter und rücksichtsloser als Männer. Dies darauf zurückzuführen, daß sie den Aufstieg nur dadurch geschafft haben könnten, daß sie versucht hätten, "männlicher als die Männer" zu sein, halte ich für zu kurz gefaßt. Mir scheint für dieses Verhalten umgekehrt viel eher die Motivation ausschlaggebend zu sein, "es den Kerlen mal so richtig zu zeigen", was jedoch von den angeblichen, klassischen "weiblichen" Verhaltensweisen (Verständnis, Sachbezogenheit, Partnerschaftlichkeit und so weiter) weit entfernt ist.

In einer solchen Welt ist eine Frauenquote nun allerdings völlig fehl am Platze. Frauen, die nur durch eine Quote befördert werden und dann auf Augenhöhe mit solchen weiblichen Führungskräften zu tun hätten, die den Aufstieg bereits vor ihnen aus anderen Gründen geschafft haben, würden in der direkten Konfrontation sang- und klanglos untergehen. Genau wie übrigens auch männliche Kollegen, die nicht durch ihre Eignung für das Stahlbad der "Teppichetage", sondern durch andere Faktoren wie z. B. fachliche Qualifikation den Segen (oder Fluch?) einer Beförderung erfahren haben.

Dienstag, 28. September 2010, 12:48

Das Märchen vom reichen Apotheker

Heute mußte ich wieder einmal in einem Piraten-Blog die Behauptung lesen, daß die Bundesregierung "den Apothekern reichliche Geldgeschenke gemacht" hätte. Wie üblich wurde diese Behauptung durch keinerlei Quellen belegt - was der Autorin wohl auch schwerfallen dürfte, da sie völlig aus der Luft gegriffen ist. Aber an Apothekern darf man ja schon traditionell ungestraft sein Mütchen kühlen, da sie (im Gegensatz zu Ärzten, Krankenkassen und der Pharma-Industrie) keine ernstzunehmende Lobby haben, die sich gegen derartige Angriffe wehren könnte.

Wann und wo hat die aktuelle Bundesregierung (oder eine ihrer Vorgänger-Regierungen gleich welcher politischen Ausrichtung) denn bitteschön den Apothekern irgendwelche "Geldgeschenke" gemacht? Allein die Vorstellung ist absurd! Durch die Auswirkungen der zahlreichen sogenannten Gesundheitsreformen der letzten Jahrzehnte ist es heute praktisch nicht mehr möglich, eine Apotheke wirtschaftlich zu betreiben. Und auch über Jahrzehnte gut eingeführte Betriebe mit hohem Stammkundenpotential kann man nicht einmal mehr verkaufen, sondern allenfalls nur noch verschenken.

Die einzige Möglichkeit, sich als Apotheker noch über Wasser zu halten, besteht darin, Personal rauszuwerfen, damit für noch mehr Arbeitslose zu sorgen und sich als Inhaber selbst 55 bis 60 Stunden pro Woche hinter den Ladentisch zu stellen. Hinzu kommen noch die aufgrund immer neuer gesetzlicher Bestimmungen immer umfangreicheren Verwaltungstätigkeiten, die natürlich nicht während des täglichen Betriebes erledigt werden können, sondern nach Feierabend erledigt werden müssen.

Dazu kommt die vom Gesetzgeber geförderte neue Konkurrenz durch nationale und internationale Großunternehmen, die zwar alle Vorteile einer großangelegten Logistik und für einen kleinen Mittelständler vollkommen unerschwinglicher Online-Shop-Systeme und Vertriebskanäle nutzen kann, aber im Gegenzug von keiner der für die einzelne kleine Apotheke vor Ort geltenden, belastenden Verpflichtungen betroffen ist. (Beispiel: Bauliche Auflagen für "Beratungszimmer", Labor in jeder Apotheke etc.).

Die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Gewinnspannen für die Apotheken sind unter Normalbedingungen bereits extrem knapp bemessen. Sie betragen gerade einmal 3 Prozent, zuzüglich eines preisunabhängigen Festbetrages, der kaum die Lagerkosten deckt. Zum Vergleich: Das Outdoor-Sportgeschäft gegenüber nimmt Artikel mit weniger als 50% Gewinnspanne gar nicht erst auf Lager. Wenn diese geringen Erträge dann auch noch durch immer absurdere Rabattverpflichtungen beschnitten werden, kann wohl kaum von irgendwelchen "Geldgeschenken" die Rede sein.

Verkauft eine Apotheke beispielsweise in einem Jahr 10 Grippeimpfungen, muß den Krankenkassen ein Rabatt für eine Zehnerpackung eingeräumt werden, selbst wenn Rezepte dafür nur über Monate kleckerweise aufgelaufen sind und somit der Kauf und die Einlagerung einer Zehnerpackung betriebswirtschaftlicher Unsinn gewesen wären. Hat man daher zehnmal jeweils eine einzelne Dosis bestellt, frißt der Zwangs-Rabatt für die fiktive Großpackung den erzielten Gewinn mehr als auf. Legt man sich aber eine Zehnerpackung hin und wird davon nur 9 Spritzen los, macht man ebenfalls ein Minus.

Der normale Einzelhandel (z. B. der Discounter-Lebensmittelmarkt an der Ecke) kann solche betriebswirtschaftlichen Risiken durch freie Preisgestaltung mit selbst kalkulierten Spannen abfangen. Eine Apotheke ist durch die staatliche Preisbindung dazu nicht in der Lage. Und dies ist nur eines von zahlreichen Beispielen, die das Führen einer Apotheke heutzutage zu einem betriebswirtschaftlichen Vabanquespiel macht. Wo hier die so oft zitierten "Geldgeschenke" sein sollen, ist mir schleierhaft. Es sei denn, man betrachtet es bereits als Privileg, für seine Arbeit überhaupt noch bezahlt zu werden.

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:14

Mobilität macht einsam

Vermutlich erzähle ich niemandem etwas Neues, wenn ich hier feststelle, daß unsere moderne, "globalisierte", auf Mobilität und Flexibilität (natürlich nur des Arbeitnehmers, nicht des Arbeitgebers) ausgelegte Welt nicht gerade familienfreundlich ist. Bereits vor ungefähr 15 Jahren, also zu Anfang meiner beruflichen Laufbahn, konnte ich dies mit Abscheu in der hauseigenen Zeitung des Arbeitsamtes feststellen. Damals war diese Behörde nicht nur ein Amt, sondern hieß auch noch so, wohingegen sie heute ja mit der Umbenennung in "Agentur" den Schritt in die Moderne offenbar vollständig vollzogen zu haben glaubt und deshalb angesichts veränderter Realitäten nur noch die Hände in den Schoß legt. Aber das ist ein anderes Thema.

In einem langen Artikel befaßte sich das Käseblatt des Arbeitsamtes mit dem Thema Mobilität und damit, was man in diesem Zusammenhang von einem gesellschaftlich tragfähigen Arbeitnehmer erwarten dürfe. Man könnte die Kernaussage des Textes in etwa folgendermaßen zusammenfassen: Mobilität ist in der Wirtschaft das höchste Gut, und wer sich als potentieller Arbeitnehmer diesem nicht bedingungslos unterordnet, ist selber schuld, wenn er keinen Job bekommt, und gehört im Grunde genommen dafür bestraft. Diese Aussage wurde mit zwei gegensätzlichen Beispielen belegt, die ich an dieser Stelle kurz in Erinnerung rufen möchte.

Arbeitnehmer 1 - das Negativbeispiel - hatte in seiner Heimatstadt (irgendwo im Raum Ostfriesland) geheiratet, zwei Kinder in die Welt gesetzt und für seine Familie ein Haus gebaut. Eines Tages verlor er seinen Job, weil die Firma wegglobalisiert wurde. Aufgrund seiner "mangelnden Bereitschaft" zur Mobilität (d. h. entweder das Haus verkaufen und wegziehen oder sich für den größten Teil des Jahres von der Familie trennen) war dieser Mann für das Arbeitsamt nicht vermittelbar. Dieses Verhalten wurde in dem Artikel ziemlich verteufelt und als in der modernen Arbeitswelt nicht mehr tragbar bezeichnet. Irgendwann wurde der Mann dann aber offenbar geläutert, ließ sich vom Amt irgendwo nach Süddeutschland vermitteln und sah seine Familie fortan nur noch bestenfalls jedes zweite Wochenende.

Arbeitnehmer 2 - das Positivbeispiel - stammte auch irgendwo aus dem Norden, lebte seit Jahren in einer festen Beziehung und hatte eigentlich auch vor, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Arbeitslos geworden, ging er sofort auf den Vorschlag ein, beruflich nach Stuttgart zu wechseln. Vom Arbeitsamt wurde dieses mobile Verhalten in den höchsten Tönen gelobt. Irgendwo ganz am Rande wurde meiner Erinnerung nach noch erwähnt, daß seine Partnerschaft diesen Ortswechsel nicht überstanden hat, weil die Frau (sicherlich auch vom Arbeitsamt belobigt) ihren bestehenden Job in Hamburg nicht aufgeben konnte oder wollte. Aber vielleicht haben die beiden ja inzwischen neue Partner gefunden. Jedenfalls bis zum nächsten mobilitätsbedingten Umzug.

Der Zynismus dieser Aussagen des Amtes hat mich damals geärgert und ärgert mich bis heute. Einerseits wird von Politikern aller Parteien immer wieder lauthals behauptet, daß man "die Familien fördern" wolle, weil sich mit derartigen Plattitüden offenbar leicht Wählerstimmen fangen lassen. Andererseits verkündet der Staat in Form seiner Ämter, daß Partnerschaft und Familie zurückzustehen haben und ggf. aufzugeben sind, wenn der von der allmächtigen, "globalisierten" Wirtschaft vorgegebene Mobilitätszwang seinen Vorrang beansprucht. Woraufhin man sich nicht wundern darf, daß heutzutage niemand, der aktiv am Arbeitsleben teilnimmt, noch Kinder in die Welt setzen möchte. In einen derartigen Szenario kann auch die höchste Akademikerinnenwurfprämie nichts mehr helfen.

In der neueren Zeit ist noch hinzugekommen, daß selbst das Aufrechterhalten von Fernbeziehungen vermutlich schon sehr bald nicht mehr mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft kompatibel sein wird, da ja das Autofahren und überhaupt jede Form des privaten Individualverkehrs künftig wegen des fortschreitenden Klimawandels nicht mehr hinnehmbar ist. (Geschäftlich ist das natürlich etwas völlig Anderes, im Beruf ist Mobilität natürlich ganz toll und hat selbstverständlich Vorrang vor dem Klima!) Und das einstige Volks-Verkehrsmittel Bahn kann und will sich sowieso bald niemand mehr leisten. Einmal abgesehen davon, daß man abseits der drei oder vier prestigeträchtig ausgebauten Hauptstrecken mit der Bahn kaum mehr in annehmbarer Zeit irgendwo hinkommt.

Ich habe erst kürzlich im Zuge der Bewerbung um verschiedene Projektausschreibungen aus dem In- und Ausland festgestellt, daß es sowohl billiger als auch schneller ist, z. B. vom Ruhrgebiet für die Arbeitswoche mit dem Flugzeug nach London zu pendeln als mit der Bahn nach Nürnberg oder München. Aber das Fliegen ist natürlich ebenfalls unter Umweltgesichtspunkten gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel. (Zumindest, solange es billig ist, denn bei teuren Flügen ist natürlich wieder der Beitrag zum Bruttosozialprodukt und zu den Steuereinnahmen wichtiger als das Klima.) Somit bleibt wohl als einziges gesellschaftlich sanktioniertes Mittel der Kontaktpflege mit dem Partner oder der Partnerin nur noch die Nutzung von Medien wie Telefon oder Internet - aber dabei bloß nichts "Ungehöriges" sagen, schließlich wird man ja zur eigenen "Sicherheit" bestens überwacht!

Denken wir dieses Szenario einmal konsequent weiter, so kann die Schlußfolgerung daraus nur lauten, daß im Sinne der perfekten Anpassung des Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin an die Bedingungen der globalisierten Wirtschaft arbeitende Menschen keine Familien oder Partnerschaften mehr haben dürfen. Neben dem Wegfall der zuvor genannten, potentiellen Einschränkungen der Mobilität ergeben sich daraus auch noch weitere Vorteile für die Wirtschaft. Wer keine Familie hat, hat damit automatisch mehr Zeit und kann damit auch mehr leisten. Vor allem kann ein solcher Arbeitnehmer jederzeit reichlich Überstunden machen, ohne daß man sich mit dem lästigen Ballast irgendwelcher völlig antiquierter Rücksichtnahmen auf Kinder oder sonstige Angehörige herumschlagen müßte.

Zwischenmenschliche Beziehungen sind in einer solchen totalen Leistungsgesellschaft nur dann von Bedeutung, wenn sie meßbare Wertschöpfung generieren. Umgekehrt kann man bestehende zwischenmenschliche Beziehungen in der Leistungsgesellschaft nur mittels Generierung von Wertschöpfung aufrechterhalten. Also beispielsweise mit den bereits erwähnten (natürlich teuren) Reisen oder aber mit der selbstverständlich kostenpflichtigen Nutzung immer weiter hochgezüchteter Kommunikationsmittel - von Internet und Video-Telefon bis hin zu Cybersex-Anzügen und Gedankenübertragung, die gar nicht mehr so weit in das Reich der Science Fiction gehören, wie man gemeinhin bis vor kurzem noch gedacht hätte.

Nun ist aber dem Menschen an sich eine gewisse Tendenz zu sozialen Kontakten und vor allem zu einer Partnerschaft nicht abzusprechen. Und da diese Tatsache durchaus eine nicht zu verachtende wirtschaftliche Komponente darstellt - man denke nur an die Aufwendungen für das Werben um einen potentiellen Partner oder um Geschenke zur Aufrechterhaltung dieser Partnerschaft - lohnt es sich vom rein betriebswirtschaftlichen Standpunkt, auch diesem Phänomen in der globalisierten Mobilitätsgesellschaft in angemessener Weise zu begegnen. Die konsequenteste Möglichkeit hierfür wäre, die Menschen dazu zu bringen, die amerikanische Hire-and-fire-Mentalität einfach auch auf das Privatleben zu übertragen und ständig den Partner zu wechseln.

Natürlich müßten für die Durchsetzung dieses Prinzips entsprechende Anreize und die geeigneten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Zunächst einmal muß die öffentliche Wahrnehmung der Prioritäten des globalisierten Lebens konsequent der gesellschaftlichen Realität angepaßt werden. Das wichtigste Element und somit die Grundlage stellt natürlich die optimale Ausbeutung der Arbeitskraft des Menschen dar. Ausgehend von dieser Prämisse ist dieser zunächst einmal wirksam in möglichst großer Nähe seiner Arbeitsstelle anzusiedeln. Außerdem trägt die Wohnung als unbestreitbar größter ständiger privater Ausgabenfaktor einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaftsleistung bei. Somit ist der Faktor Wohnung als erstes und insbesondere deutlich vor dem Faktor Partnerschaft anzugehen.

Bereits heutzutage ist bei modernen, hochmobilen Menschen ein deutlicher Trend dazu zu beobachten, für die oftmals relativ kurze Dauer ihrer beruflichen Stationen gleich vollmöblierte Wohnungen anzumieten (natürlich zu deutlich höheren Preisen). Diese ebenso interessante wie praktische Entwicklung könnten fortschrittliche Arbeitgeber auch dazu nutzen, durch die Einrichtung speziell angepaßter Wohnungen entweder Büroräume einzusparen oder zumindest die Erbringung einer optimalen Arbeitsleistung durch die Gestaltung der Wohnumstände ihrer "Human Resources" zu gewährleisten. Beispielsweise könnten dadurch unerwünschte Ablenkungen minimiert werden.

Natürlich wäre es auf diese Weise auch möglich, das Risiko von Ausfallzeiten etwa durch Krankheiten oder durch Unfälle beim Sport oder im Zuge anderer unkontrollierbarer Freizeitbeschäftigungen dadurch zu minimieren, daß man dafür sorgt, daß der Mensch aus purer Bequemlichkeit erst gar nicht mehr vor die Tür geht - selbstverständlich mit Ausnahme des täglichen Weges zur Arbeit. Ein volkswirtschaftlich begrüßenswerter Nebeneffekt derartiger Maßnahmen wäre eine deutliche Verringerung von Kosten für die Krankenkassen. Außerdem lassen sich durch das Schaffen einheitlicher Standards für wertschöpfungsoptimiertes Wohnen die Produktionskosten für Möbel, Apparate, Dekor und sonstige Einrichtungsgegenstände deutlich reduzieren, während sich gleichzeitig durch die unbestreitbaren funktionalen Vorteile in der öffentlichen Meinung ein höherer Endverkaufspreis und vor allem höhere Mieten durchsetzen ließen.

Ist dieses Szenario erst einmal geschaffen, kann in einem nächsten Schritt dann das Problem der Partnerschaft angegangen werden. Selbstverständlich sind dabei die hier bereits genannten, ohne Zweifel vorrangigen Umstände zu berücksichtigen. Daß bei einem derartigen optimierten Zuschneiden der Lebensumgebung die Aufrechterhaltung einer etwa schon vor einem berufsbedingten Umzug bestehenden Partnerschaft nicht ins Konzept paßt, dürfte auf der Hand liegen. Wie weiter oben bereits erwähnt, besorgt sich der moderne, globalisierte Mensch am besten an jedem neuen Arbeitsort einen neuen Partner bzw. eine neue Partnerin.

Natürlich muß die neue Partnerin immer zur Wohnungseinrichtung passen. Vor allem, wenn man (wie ausgeführt) stets vollmöblierte und wertschöpfungsgemäß optimierte, moderne Wohnungen mietet. Es wäre ja auch katastrophal, wenn sich beispielsweise die Haarfarbe der Partnerin mit der Farbe der Tapete oder der Ledersessel beißen würde. Das könnte den gesamten Eindruck der vorgegebenen Wohnung ruinieren und somit zu einer ernsthaften Störung des inneren Gleichgewichtes des Arbeitnehmers führen, durch die seine Arbeitsleistung nachhaltig beeinträchtigt werden könnte. Also muß die Einhaltung gewisser Vorgaben selbstverständlich beachtet werden.

An dieser Stelle der Überlegungen tut sich die scheinbar berechtigte Frage auf, ob man - falls man beim Auszug die Wohnung renovieren muß - die dazu passende Partnerin auch gleich mit renovieren müßte? Die Antwort darauf ist jedoch relativ einfach: Bei einer Wohnung, die man weniger als 2 Jahre bezieht, ist man grundsätzlich noch nicht renovierungspflichtig. Da in Zukunft die meisten Arbeitsverhältnisse ohnehin kürzer als 2 Jahre bestehen bleiben werden, entfällt bei einem sofortigen erneuten Umzug nach dem Wechsel in ein anderes Projekt die Renovierungspflicht für die Wohnung und damit natürlich auch für die dazu passend ausgewählte Partnerin.

Wenn man als perfekt globalisierter Mensch also jedes Jahr Job, Wohnung und Partner wechselt, braucht man sich also um nichts mehr zu kümmern. Prima, oder? Natürlich könnte man jetzt die Frage stellen, ob in diesem Zusammenhang die eingangs erwähnte Wertschöpfung, die sich aus dem Faktor Partnerschaft ergibt, noch in gleichem Maße zum Tragen käme, oder ob sich dieser Teil des menschlichen Lebens eventuell unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht mehr lohnen würde. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß diverse Arten von früher üblichen, zwischenmenschlichen Zuwendungen in solchen Partnerschaften nicht mehr länger relevant sein dürften.

Wenn man seine allfälligen Jobwechsel zeitlich halbwegs geschickt plant, kann man sich in derartigen, globalisierten Beziehungen eventuell sogar sämtliche Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke sparen. Dies wäre natürlich ein herber Schlag für die Wirtschaft, der auch durch einen (ggf. künstlich verstärkten) Trend zur Aufwertung der künftig immer häufigeren betrieblichen Ein- und Ausstandsfeiern nicht vollständig kompensiert werden könnte. Diesem Problem könnte man nötigenfalls durch gesetzliche Regelungen entgegenwirken, die beispielsweise die Auflösung einer bestehenden Partnerschaft erst nach mindestens einem gemeinsam absolvierten Weihnachtsfest erlauben, um somit der Wirtschaft einen angemessenen kommerziellen Ausgleich für die eventuellen Ausfälle zu gewährleisten.

Von der volkswirtschaftlichen Seite her betrachtet, läßt sich diesem Szenario noch eine vielversprechende andere Komponente hinzufügen, die zur Generierung zusätzlicher Wertschöpfung erheblichen Ausmaßes führen würde. Wenn künftig sowieso nur die eine Hälfte der Bevölkerung noch arbeitet (woraufhin wir heutzutage ja bereits zusteuern), kann sich der Rest gegen Geld als Partner auf Zeit verdingen. Dies würde neben den zusätzlichen Steuereinnahmen auch erhebliche Erleichterungen bei der Partnersuche mit sich bringen, da diese nunmehr nicht mehr von gänzlich unberechenbaren Faktoren wie Sympathie, Liebe oder einfach nur dem zufälligen Begegnen auf der Straße, sondern von handfesten wirtschaftlichen Faktoren abhängen würde. Und der Wirtschaftszweig der Partnervermittlungen würde ebenfalls einen ungeahnten Auftrieb erleben.

In letzter Konsequenz könnte man dann vielleicht auch eine Art neues Bonus-System zur Mitarbeiter-Motivation einführen: Die Firma bezahlt dem Mitarbeiter den Partner bzw. die Partnerin - selbstverständlich leistungsbezogen. Wer kontinuierlich Bestleistungen erbringt, bekommt als Belohnung einen Luxus-Partner. Selbstverständlich nur, solange auch weiterhin entsprechende Leistungen erbracht werden oder der Mitarbeiter nicht anderweitig unangenehm auffällig wird. Sollte er den Anforderungen des Unternehmens jedoch nicht mehr gerecht werden, kann der zur Verfügung gestellte Partner oder die Partnerin selbstverständlich jederzeit durch ein einfacheres Modell ersetzt werden.

Sollte an dieser Stelle der Einwand vorgebracht werden, daß in einer Gesellschaft, die in einer solchen Weise aufgebaut wäre, die menschlichen Emotionen zu kurz kommen und der Mensch an sich innerlich verkümmern und letzten Endes trotz gekaufter Partner völlig vereinsamen würde, so ist diesem Folgendes entgegenzusetzen: Zum einen sind persönliche Emotionen (im Gegensatz zu kommerziell verwertbaren Massenphänomenen wie der Begeisterung für bestimmte Sportmannschaften, Fernsehstars oder Musik-Idole) kein nennenswerter wirtschaftlicher Faktor und somit für die moderne Gesellschaft weitgehend irrelevant.

Und was die Vereinsamung angeht, so muß der mobile, globalisierte Mensch eben damit klarkommen und sie als Preis für das Privileg begreifen, mit Arbeit Geld verdienen zu dürfen. Derartige emotionale Auswirkungen sind von dem verwendeten Humankapital natürlich billigend in Kauf nehmen und nötigenfalls mit professioneller Hilfe entweder psychologisch oder medikamentös zu behandeln. Selbstverständlich kann dies aber nur gegen eine entsprechende finanzielle Gegenleistung geschehen, die natürlich nur von denjenigen aufgebracht werden kann, deren wirtschaftliches Leistungspotential groß genug ist, um den auf Dauer den Ansprüchen der Wirtschaft zu genügen.

Anderenfalls muß sich der Mensch eben in die große Masse derjenigen einreihen, die sich bei Bedarf von anderen kaufen lassen, also zum Beispiel in den Berufsstand der bezahlten Partner auf Zeit. Wenn er oder sie hierzu nicht in der Lage ist, ist er oder sie für die moderne Gesellschaft nicht brauchbar und hat sich daher umgehend möglichst sozialverträglich selbst aus dem Leben befördern. Allerdings natürlich auf zertifiziert umweltschonende Art und Weise und vor allen Dingen so diskret wie möglich, um die Gesellschaft nicht zu verstören. Außerdem sind möglichst keine auffälligen Spuren zu hinterlassen, und der öffentlichen Ordnung halber ist vorher selbstverständlich eine entsprechende Gebühr an die dafür zuständigen, staatlichen Stellen zu entrichten.

Falls irgendjemand Maßgebliches die vorstehende Zukunftsvision als geeigneten Stoff für einen sehr düsteren Science-Fiction-Film ansehen sollte, bin ich jederzeit gerne bereit, Verhandlungen über die Filmrechte zu führen. Ich kann dieses Szenario bei Bedarf jederzeit auf Spielfilmformat ausbauen. Allen anderen empfehle ich hiermit den Film Rollerball mit James Caan aus dem Jahre 1975, der - ganz im Gegensatz zu seinem actiongeladenen, aber in puncto Sozialkritik vollkommen weichgespülten Remake aus dem Jahre 2002 - einige Auswirkungen der Globalisierung wie die totale Abhängigkeit von einigen großen Konzernen oder die planmäßige Volksverdummung in erschreckender Weise vorausgenommen hat.

Montag, 11. Januar 2010, 01:11

Wochenendende, trübsalselig

Gerade geht ein für mich ziemlich trübseliges Wochenende zu Ende, das sicherlich eher nicht als sonderlich rühmlich oder bemerkenswert in meine ganz persönliche Chronik des laufenden Jahres eingehen wird. Ich blicke auf eine ziemlich ungenießbare Mixtur aus Langeweile, Einsamkeit und Schlafmangel zurück. Und die Chancen stehen gar nicht so schlecht dafür, daß das noch eine ganze Zeit so weitergeht. Wobei früher oder später noch der Faktor Streß dazukommen könnte. Aber immer schön der Reihe nach.

Zur Zeit hänge ich wieder einmal ganz schön in der Luft. Ich habe mich in den letzten drei Wochen seit dem Ende meines vergleichsweise kurzen Projektes in Dortmund um diverse Projekte bei verschiedenen Anbietern beworben, und obwohl es in allen diesen Fällen (wie in dieser Branche üblich) schnell-schnell gehen soll und man als externer Mitarbeiter immer möglichst spätestens vorgestern für Projekte bereitstehen soll, lassen die Projektgeber mich wie üblich allesamt erst einmal hängen. Und dies teilweise schon seit vor Weihnachten.

Zumindest hatte mir das die Gelegenheit gegeben, die Weihnachtsfeiertage und die Zeit "zwischen den Jahren" in Ruhe mit meiner Liebsten zu verbringen. Natürlich hätte ich mich während dieses Zeitraumes auch auf irgendein Projekt vorbereiten können, sofern ich denn gewußt hätte, auf was für eines, und welche Technologien dafür überhaupt benötigt werden. Aber der durchschnittliche Projektgeber zieht es ja leider vor, einem dies frühestens einen Tag vor Projektbeginn mitzuteilen, so daß man sich erst dann einarbeiten kann, wenn keine Zeit mehr dafür vorhanden ist.

Im Laufe der gerade vergangenen Woche habe ich noch eine ganze Reihe weiterer Projektbewerbungen geschrieben, auf welche ich ebenfalls noch keinerlei Antworten bekommen habe. Nach Aussage der Vermittler wird angeblich um diese Zeit des Jahres bei den Projektgebern noch nicht gearbeitet, wobei ich mich ehrlich gesagt so langsam zu fragen beginne, wieviel Urlaubstage eigentlich der durchschnittliche Entscheider in derartigen Personalfragen haben muß, wenn vor und nach Ablauf der Ferien offenbar immer wochenlang niemand im Hause ist.

Wenn es dann irgendwann losgeht, wird wieder alles schnell-schnell gehen müssen. Von einem Tag auf den anderen muß man sich auf ein vollkommen neues Projekt einstellen, und zwischendurch darf man sich an den Wochenenden darum kümmern, am Einsatzort des Projektes eine Wohnung zu finden - solange der Projektvertrag denn überhaupt lange genug läuft, daß sich dies lohnt, denn angesichts von Maklergebühren, meist erst nach vielen Monaten zurückgezahlten Mietkautionen und nicht zuletzt dem Weiterzahlen der Miete bis zum Ablauf der dreimonatigen Kündigungsfrist kann eine Anmietung für nur einen kurzen Zeitraum ziemlich teuer werden.

Dieses Wochenende wäre noch einmal eine Gelegenheit gewesen, in Ruhe und Frieden etwas Zweisamkeit zu verbringen, vielleicht das letzte Mal für längere Zeit. Aber von den ganzen maßlos übertriebenen Horrormeldungen in allen Medien über Schneestürme, Streckensperrungen nach Eisenbahnunfällen und was-weiß-ich-noch-alles getrieben hatte meine Liebste bereits am Donnerstagabend "aus dem Bauch heraus" entschieden, dieses Wochenende lieber zu Hause zu bleiben, anstatt mich (wie ursprünglich geplant) in Bielefeld zu besuchen. Daß ich wegen der winterlichen Straßenverhältnisse und der ständigen Gefährdung durch Sommerreifenfahrer nicht mit dem Auto zu ihr fahre, stand sowieso von vornherein fest.

Entgegen meinem am Telefon geäußerten Ratschlag, doch erst die tatsächlichen Wetter- und Verkehrsverhältnisse am Freitag abzuwarten, hatte sie ihre Entscheidung bereits am Donnerstag unumstößlich gemacht, indem sie erst gar keine Reisetasche gepackt und (wie in solchen Fällen üblich) gleich mit zur Arbeit genommen hat. Als am Freitag dann sämtliche Züge wieder fuhren und auch kein sonderlich schlimmes Wetter in Sicht war, bildete die nicht gepackte Tasche dann das Argument dafür, nicht doch noch zu mir zu fahren. Man könnte fast glauben, daß das Bedürfnis, mich zu sehen, dann wohl nicht allzu groß gewesen sein kann.

Dafür mußte ich aber am Freitagnachmittag noch ganz kurzfristig zur Post losziehen, um ihr auf die Schnelle noch all diejenigen Sachen, welche sie beim letzten Besuch bei mir vergessen hatte, in die Firma zu schicken, damit sie diese auch bloß am Montag zur Verfügung hat. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, wieso ich diverses Schminkzeug auf diese Weise versenden mußte, während Madame sich bei ihrem Anruf nach eigener Aussage gerade in einem Schminkladen befand und dort offenbar (jedenfalls hörte es sich für mich so an) mehr oder weniger die gleichen Artikel gekauft hat. Aber ich habe vermutlich auch kein besonderes Talent zum Frauenversteher.

Eine Stunde lang habe ich allein dafür benötigt, mit Mikroschrott Word einen mehr oder weniger passenden Adreßaufkleber für das blöde Päckchen zu drucken, weil die dafür verwendete Kiste noch mit diversen amerikanischen Zoll-Aufklebern vollgeklebt war, welche ich natürlich irgendwie überkleben mußte. Hoffentlich ist die ganze Sendung wenigstens nicht noch am Samstag ausgeliefert und dann wegen zu geringer Größe des Briefkastens wieder mitgenommen oder gar vor der Tür liegengelassen worden. Was mitten in der Innenstadt von Bochum natürlich eine ganz tolle Idee wäre, aber bei der Post kann man ja nie wissen...

Auf diese Weise außerplanmäßig alleingelassen, konnte ich in der Nacht zu Samstag überhaupt nicht schlafen. Ein paar Stunden habe ich am Rechner gesessen, einige mit Lesen verbracht und zwischendurch immer wieder versucht, Müdigkeit zu entwickeln, aber letzten Endes war doch alles vergeblich. Um 8 Uhr morgens hatte ich es satt, noch einmal ins Bett zu gehen, so daß ich dann lieber aufgestanden bin und nach dem Frühstück eine "kleine" Winterwanderung unternommen habe. Natürlich war der in allen Medien groß angekündigte Scheesturm auch weiterhin ausgeblieben, es rieselten bloß Heerscharen kleiner Flöckchen leise und friedlich vom Himmel.

Also bin ich mit der Straßenbahn nach Gadderbaum gefahren und habe dort zunächst einen relativ sinnfreien Geocache gesucht und gefunden, für den dem Owner offenbar kein besserer Titel als ein simples "Bielefeld" eingefallen ist. Die Tarnung dieses Caches bestand fast nur aus Schnee, so daß ich mich ehrlich gesagt frage, wie er es angesichts des giftgrünen Deckels geschafft hat, bereits vor dem Winter mehrere Monate lang an dieser Stelle zu überleben, ohne von irgendjemandem gesehen und geklaut zu werden. Schließlich gibt es in diesem Stadtviertel auch heutzutage sogar noch Kinder! Aber vermutlich beschränkt sich deren Neugier inzwischen auch nur noch auf den Computer, den Fernseher und die Playstation.

Aufgefallen ist mir unterwegs übrigens, daß insbesondere in der Umgebung des neuen Baugebietes für neureiche Einfamilienhäuser an Ellerbrocks Hof höchstens die Hälfte der Anwohner überhaupt ihrer Schneeräumpflicht nachkommt. Teilweise scheint dort den ganzen Winter über noch niemand geschippt zu haben. An einer dieser Stellen hatte es allerdings jemand fertiggebracht, ein fast perfekt kreisrundes Loch in den tiefen Schnee zu kotzen. Lecker! Weiter oberhalb in Bethel waren ein paar städtische Arbeitskräfte damit beschäftigt, im Zeitlupentempo auf einigen Gehwegen Split zu streuen. Ich hoffe doch sehr, daß die Jungs nicht unterwegs festgefroren sind.

Der zweite Geocache, den ich mir für diesen Tag zu finden vorgenommen hatte, begann in einem Park. Dort angekommen, wurde ich zunächst gefühlt zwanzig Minuten lang von einem finster dreinblickenden Opa mit Hund begafft, bis diesem endlich zu langweilig wurde und er weiterging. Zur Ermittlung der Koordinaten für die zweite Station mußten Nieten an einer Parkbank gezählt werden. Nachdem ich die Bank vom Schnee befreit hatte, stellte ich fest, daß sie sich obendrein auch noch unter einer mehrere Zentimeter dicken Eisschicht befand. Glücklicherweise hatte ich meinen Wanderstab dabei, mit dessen eiserner Spitze ich auch das Eis abschlagen konnte.

An der zweiten Station sollte sich der weiterführende Hinweis in Form eines Nanos in einem Wurzel-Loch befinden. Die Koordinaten wiesen dann auch mitten in ein Wäldchen. Seien wir doch einmal ehrlich: Wer versteckt einen Nano im Wald? Und warum? An der fraglichen Stelle gab es jedenfalls neben einigen kleineren Bäumen einen sehr dicken Baum und einen noch dickeren Baumstumpf, die beide über einem extrem matschigen Bach standen und die beide vor allem auf der Bachseite hunderte von Wurzellöchern ausgebildet hatten, in denen man hunderte von Nanos hätte verstecken können.

Nachdem ich ungefähr eine Stunde lang beide Bäume einer gründlichen Untersuchung unterzogen hatte, bei der ich mehrfach bis zum Rand meiner Stiefel im Schlamm des Baches versunken war und durch ständige Rutschpartien den gesamten Abhang in eine einzige Schlammwüste verwandelt hatte, war ich immer noch so schlau wie zuvor. Der Lust-Faktor bezüglich der Suche nach diesem Cache hatte längst den Fahrstuhl ins siebzehnte Untergeschoß genommen. Also entschloß ich mich, einfach nur noch einen längeren Waldspaziergang zu machen, dabei aber hin und wieder auch nach möglichen weiteren Stationen des Caches Ausschau zu halten - man weiß ja nie...

Abgesehen von einem sehr dekorativ in einer Ritze zwischen zwei Zaunpfählen aus Beton steckenden, abgebrochenen Küchenmesser konnte ich jedoch nichts Verdächtiges mehr finden. Dafür habe ich jedoch wenigstens eine sehr schöne Winterwanderung durch den tief verschneiten Teutoburger Wald gemacht. In der Umgebung der kleinen alten Steinbrüche oberhalb des Eggeweges, westlich gegenüber von Haus Salem, hatte der Nordwind für ganz ordentliche Schneeverwehungen gesorgt. An mehreren Stellen sackte ich bis zu den Knien, einmal sogar bis zur Hüfte in die weiße Pracht ein. Ich hätte angesichts der ständigen Meldungen über den Klimawandel nicht gedacht, daß ich so etwas in meinem Leben in unseren Breiten noch einmal erleben würde.

Auf dem Rückweg mußte ich für meine Mutter beim Marktkauf noch Vogelfutter kaufen, weil ihr die Restbestände vom Vorjahr bei der aktuellen Witterung doch sehr schnell ausgegangen waren. Wir haben dieses Jahr nämlich erstaunlich viele Blaumeisen auf der Terrasse, die ich meines Wissens schon mehrere Jahrzehnte lang nicht mehr oder zumindest nicht mehr bewußt gesehen hatte. Auch ein paar Kohlmeisen, Rotkehlchen und vor allem die Amseln kommen gerne vorbei. Die Kassiererin im Marktkauf war von meiner weißen Kaninchenfellmütze so begeistert, daß sie fast vergessen hätte, daß der Kunde vor mir eigentlich noch bezahlen mußte.

Zu Hause eben aus der Straßenbahn ausgestiegen, fand ich am Fußgängerübergang ein Handy, welches nur wenige Zentimeter neben den Gleisen lag und um ein Haar von der Bahn überrollt worden wäre. Ich habe es sicherheitshalber mitgenommen und eine SMS an die letzte Nummer geschrieben, von der eine SMS eingegangen war. Prompt kam ein Rückruf des Besitzers, kurz darauf auch noch einer von seinem Neffen, und gerade einmal etwa 20 Minuten später konnte ich das Handy seinem zurückgekehrten Herrchen an der Haltestelle zurückgeben.

Es muß sich dabei um einen engen Verwandten von Rumpelstilzchen gehandelt haben, so ein Hutzelmännchen habe ich jedenfalls schon lange nicht mehr gesehen. Wie der mit seinen viel zu kurzen und viel zu dicken Wurstfingern die selbst für mich viel zu winzigen Tasten dieses Handys bedienen können soll, ist mir immer noch schleierhaft. Ebenso übrigens die Tatsache, wieso eigentlich alle Raucher Analphabeten zu sein scheinen, denn trotz des ausdrücklichen und absolut unübersehbaren Rauchverbotes wird an den meisten Straßenbahnhaltestellen gequarzt, was das Zeug hält.

Anschließend habe ich mich zum Mittagessen an den aufgetauten Resten der Lammhaxe versucht, welche meine Mutter irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr gekocht hatte, obwohl eigentlich niemand diesen Braten hatte haben wollen. Irgendwann reicht es ja auch mal mit der Völlerei! So war denn ziemlich viel liegengeblieben. Hatte dieses Fleisch unmittelbar nach dem Braten schon ganz fürchterlich zum Himmel gestunken, so war nach dem Auftauen und Aufwärmen der Geruch jetzt kaum noch zu ertragen. Mehr als die Hälfte dieses "Essens" habe ich schließlich weggeschmissen, weil ich mich einfach nur noch davor ekelte.

Nach dem Essen habe ich mich dann schnurstracks in die Badewanne begeben, um mich nach der ungefähr vierstündigen Winterwanderung wieder aufzuwärmen. Meine Mutter meinte mir wegen der Kälte und des Essens wiederholt einen Schnaps anempfehlen zu müssen, auf welchen ich aber so gar keine Lust hatte. Statt dessen habe ich mich damit begnügt, eine Stunde lang im warmen Wasser zu liegen. Anschließend gab es dann auch schon wieder Abendessen, erneut Reste, diesmal jedoch von der Weihnachtsgans. Dummerweise waren diese so ungeschickt aufgeteilt, daß das erste der beiden Pakete fast nur Knochen enthielt. Also mußten wir das zweite auch noch auftauen und warm machen, und das war dann für zwei Personen massiv zu viel.

Danach war ich so platt, daß ich sofort ins Bett gefallen und eingeschlafen bin und nicht einmal mehr mitbekommen habe, daß meine Liebste mich noch per Telefon zu erreichen versucht hatte (obwohl ich ihr ja eigentlich schon längst per SMS geschrieben hatte, daß ich sofort schlafen wollte). Nach 14 Stunden Schlaf war ich immer noch müde und bekam außerdem Kopfschmerzen, die den ganzen Sonntag über anhielten. Demzufolge bin ich den ganzen Tag über nicht mehr zu allzu vielen sinnvollen Tätigkeiten gekommen. Somit plätscherte also auch der letzte Tag dieses trübseligen Wochenendes einigermaßen langweilig vor sich hin.

Vier Stunden habe ich damit verbracht, einen Blog-Beitrag zu schreiben, aber als ich fast fertig damit war, kachelte Firefox ab, und der gesamte Text schien verloren. Obwohl die Blog-Software angeblich ständig zwischenspeichert, fand ich ihn auch nirgendwo mehr wieder. Glücklicherweise hatte ich erst kürzlich das äußerst nützliche Addon Lazarus Form Recovery für Firefox installiert. Lazarus merkt sich sämtliche Formular-Eingaben in einer eigenen kleinen Datenbank und hatte auf diese Weise tatsächlich vollautomatisch die Arbeit mehrerer Stunden für mich gerettet. Ich glaube, ich sollte den Autoren dieses Addons mal freiwillig etwas für dieses tolle Stück Software bezahlen!

Den Rest des Tages oder besser Abends habe ich damit verbracht, nach vielen Monaten, die sie mittlerweile bereits bei mir herumliegt, endlich einmal die CD "Pagan Folk" von Omnia anzuhören, die ebenso wie die beiden nachfolgenden CDs dieser Band bisher ein Opfer akuten Zeitmangels geworden waren. Schließlich hatte ich sie mir noch vor dem stressigen und extrem zeitraubenden Projekt bestellt, das mich den ganzen November und fast den ganzen Dezember über auf Trab gehalten hat. Das gleiche Schicksal teilt übrigens ein ganzer Stapel von Büchern, welcher seit Weihnachten noch einmal merklich angewachsen ist.

Nachdem ich mich erst kürzlich mühevoll durch das leider wenig empfehlenswerte Buch "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehrmann gequält hatte, in dem der Autor nichts Besseres zu tun hat, als über 300 Seiten lang längst verstorbene Geistesgrößen wie Alexander von Humboldt und Johann Carl Friedrich Gauß, die sich zu seinem Glück leider nicht mehr wehren können, in den Schmutz zu ziehen, versuche ich mich jetzt gerade am mittelalterlichen "Reisebericht" des Ritters (?) John Mandeville, dessen Reisen ihn angeblich ins Heilige Land und darüber hinaus ins ferne Asien, nach Indien und China geführt haben sollen.

Größtenteils fiktional und aus den Weltbeschreibungen anderer Autoren abgeschrieben, allerdings lebhaft und mit zahlreichen spannenden Anekdoten erzählt, war dieses Buch aus dem 14. Jahrhundert schon vor, aber erst recht nach der Erfindung des Buchdruckes einer der absoluten Bestseller des Mittelalters. Wenn ich mich erfolgreich durch die etwa 300 Seiten dieses Werkes hindurchgekämpft haben werde, warten noch mindestens 15 weitere ungelesene Bücher mit einem Gesamtumfang von - grob geschätzt - 4.000 bis 5.000 Seiten auf mich. Also noch mehr als genug Lesestoff für viele weitere einsame, trübselige, schlaflose Nächte...

Freitag, 1. Januar 2010, 18:20

Neues Jahr, altes Glück

Silvester (eigentlich neige ich ja immer noch dazu, diesen Tag mit "y" zu schreiben) bzw. Neujahr stellt für mich persönlich schon seit frühester Kindheit eines der wichtigsten Feste im Jahreskreis dar. Das hat natürlich zum einen etwas mit meiner pyromanischen Neigung zu tun, zum anderen stellt aber auch der Jahreswechsel die beste Gelegenheit dar, in Ruhe auf Vergangenes zurückzublicken, Dinge hinter sich zu lassen und Pläne für die Zukunft zu machen. Glücklicherweise wird Silvester durch die nahegelegenen Weihnachtsfeiertage weitestgehend von störendem Kommerz und Festtags-Trubel abgeschottet, so daß man hier tatsächlich einmal die Gelegenheit hat, abzuschalten, in Ruhe nachzudenken - und dann um Mitternacht mit großem Getöse weniger das neue Jahr zu begrüßen als vielmehr das alte Jahr ein für allemal zu verjagen. Jedenfalls war das bei mir bisher in den meisten Fällen so.

Natürlich gibt dieses Fest einem auch noch einmal eine gute Gelegenheit, mit netten Menschen zusammenzukommen (welche man sich an Silvester allerdings weit mehr als an Weihnachten selbst aussuchen darf) und eine entspannte Feier zu verleben, deren Rituale einem nicht durch irgendwelche gesellschaftlichen oder gar religiösen Normen vorgeschrieben sind. Seit der Jahrtausendwende, wenn nicht schon seit dem Abitur im Jahre 1993, waren mir allerdings die dafür in Frage kommenden, netten Menschen Zug um Zug ausgegangen. Alte Freunde sind verzogen, haben sich im Studentenwohnheim mit illegal verlegtem, bewußtseinsveränderndem Teppichkleber unfreiwillig den Verstand weggeballert, sind unter die Nazis gefallen (wofür man sich natürlich auch irgendwie den Verstand weggeballert haben muß) oder weiß der Kuckuck was.

Die letzten beiden Silvesterfeiern in größerer Runde mündeten jeweils in Ereignisse, an die ich äußerst ungern zurückdenke. Beiden folgte aus sehr unterschiedlichen Gründen innerhalb weniger Wochen das Ende meiner jeweiligen Beziehung. In beiden Fällen war es im Nachhinein betrachtet sicherlich besser so, wodurch sich die ganze Sache für mich aber in beiden Fällen natürlich nicht weniger schmerzhaft gestaltete. Sicher haben auch diese Ereignisse der beiden Jahreswenden 1996/97 und 2002/03 nicht gerade dazu beigetragen, mich zu einem kontaktfreudigeren und aufgeschlosseneren Menschen werden zu lassen. Und in das Remmidemmi sogenannter Silvester-Parties (auf denen man als Single ja doch nur in der Ecke stehen gelassen wird und sich frustriert ins neue Jahr hineinsäuft) habe ich mich danach natürlich erst recht nicht mehr gestürzt.

Wie der ganze Rest der Jahre wurde mit der Zeit auch Silvester für mich zu einem immer traurigeren und einsameren Fest, welches ich schließlich nur noch mit meiner Mutter verbrachte, allenfalls zuzüglich irgendwelcher nervtötender Nachbarn, denen man um Mitternacht am Teich im Park hinter dem Haus über den Weg lief und denen man lieber nicht über den Weg gelaufen wäre. Der Jahreswechsel 2007/2008 hatte in dieser Hinsicht bereits einen absoluten Tiefpunkt dargestellt, mußte ich doch das neue Jahr unfreiwillig mit Leuten begrüßen, die strunzendämlich sind, die ich überhaupt nicht leiden kann und die sich seit irgendeinem völlig bescheuerten Nachbarschafts-Sommerfest vor gefühlten 30 Millionen Jahren obendrein auch noch einbilden, mich duzen zu dürfen. Und diese unerwünschten Leute schauten mir dann auch noch bei meinem Feuerwerk zu und taten so, als ob sie dazugehören würden. Perlen vor die Säue!

Der Jahreswechsel 2008/2009 hatte es jedoch irgendwie geschafft, diesen Tiefpunkt in einigen Punkten noch zu unterbieten. Sicherheitshalber hatte ich mein Feuerwerkszeug dieses Mal gut unsichtbar in einem Rucksack verstaut, um bloß keine unerwünschten Zuschauer im Vorfeld darauf aufmerksam zu machen. Zwar liefen uns auch dieses Mal um Mitternacht wieder die selben hirnlosen Vollpfosten über den Weg (hey, eine unserer Nachbarinnen sammelt allen Ernstes Sand aus aller Welt in kleinen Fläschchen!), aber irgendwie gelang es mir, durch gezieltes Langweilen dafür zu sorgen, daß sich binnen einer halben Stunde alle unerwünschten Leute wieder verdrückt hatten, so daß ich das alte Jahr wenigstens in Ruhe mit einem ganz privaten Feuerwerk verjagen konnte, ohne dabei von irgendwelchen unerträglichen Dumpfbacken begafft zu werden.

Alles in allem war dieser Jahreswechsel in das Jahr 2009 jedoch eine ziemlich trostlose Veranstaltung gewesen. Meine Mutter meckerte die ganze Zeit nur, daß ihr kalt wäre, daß sie ja sowieso der Meinung wäre, daß ich lieber kein Geld für Feuerwerk ausgeben solle, und insgesamt ließ sie (wie üblich) jegliches Verständnis dafür vermissen, welche Bedeutung für mich die Feier des Jahreswechsels eigentlich hat. Statt dessen hackte sie seit Jahren höchstens den ganzen Silvesterabend lang auf mir herum, bis ich eines schönen Jahres irgendwann, anstatt zu feiern, bis 10 Minuten vor Mitternacht meine Einkommensteuervoranmeldung für Dezember vorbereitet und ausgefüllt habe. Solche Momente schreien manchmal einfach nur danach, sich mit Alkohol zuzuschütten, damit man möglichst nichts mehr von seiner Umgebung mitbekommt.

Am Neujahrstag des Jahres 2009 wachte ich nicht nur mit einem leichten Brummschädel, sondern auch mit dem festen Vorsatz auf, daß ich so einen trostlosen Silvesterabend nie wieder erleben wollte. Und so schleppte ich mich (eigentlich wider besseres Wissen und gegen jede Lebenserfahrung) irgendwann im Laufe des Neujahrstages wieder einmal auf eine Single-Seite im Internet, auf der ich seit über einem Jahrzehnt angemeldet war, die mir jedoch bis dato abgesehen von einer dramatisch gescheiterten Beziehung mit zwischenzeitlicher sechswöchiger Verlobung nur jede Menge Kontakte mit vollkommen gestörten, gescheiterten Existenzen eingebracht hatte, die ihre eigene, im Laufe der Zeit liebevoll gepflegte Beziehungsunfähigkeit als Vorwand dazu zu nutzen versuchten, andere Menschen nach Herzenslust verletzen zu dürfen.

Wie gewohnt strotzte diese Seite auch zu jenem Zeitpunkt wieder einmal von Profilen ohne jegliche Aussagekraft. Frei nach dem Motto: "Ich weiß nicht, was ich über mich schreiben soll - frag' mich einfach!" Und wenn man dann tatsächlich fragt, erhält man entweder überhaupt keine Antwort oder wird statt dessen nur wüst beschimpft, weil die betreffende Person eigentlich gar keinen Partner sucht, sondern lediglich jemanden, an dem sie ihren Weltschmerz auslassen kann. Kummer, Menschenhaß und Depressionen sind ansteckend - wenn man immer nur auf solche Leute trifft, droht man irgendwann selbst zu so etwas zu werden. Genau aus diesem Grund hatte ich mich eigentlich schon seit Monaten nicht mehr auf dieser Seite blicken lassen, und fast wäre ich gleich wieder gegangen.

Im letzten Moment blieb ich doch noch bei einem Profil hängen, das irgendwie anders war. Nicht nur, daß es mal eben ungefähr fünfhundert Mal so viel Text enthielt wie der traurige Durchschnitt (etwa: "Hallo!") aller anderen Personen, die sich an diesem Tage dort neu angemeldet hatten. Sondern es begann auch noch mit den folgenden Worten: "Damit das gleich mal klar gestellt wird: Es ist mir sehr, sehr wichtig, dass die Besucher dieses meines Accounts mein Profil nicht nur lesen, sondern auch inhaltlich verstehen. Ich schreibe die Dinge hier nicht umsonst hinein und erwarte, dass dann auch auf meine Angaben Rücksicht genommen wird." Nanu? Sollte es etwa außer mir noch jemanden auf diesem Planeten geben, der den heutzutage offenbar allgemein verpflichtenden Hang zur Oberflächlichkeit nicht verstanden hat?

Weiter unten im Text fand ich einen Satz, der vielleicht eine Erkärung dafür bieten konnte, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte - denn Ähnliches gelesen hat man auf solchen Seiten sicherlich schon das eine oder andere Mal, nur, daß in den allermeisten Fällen die betreffende Person dann anschließend ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermochte: "Ich hasse es, wenn sich Menschen total verstellen und dann sich wundern, dass sie falsch verstanden werden. Und es ist wichtig, dass ein Mensch so selbstbewusst ist, dass er sich verbal verteidigen kann."

Hoppla? Wohl kaum jemand würde auf ein Profil - sofern er dieses denn tatsächlich sorgfältig gelesen haben sollte - eingehen, wenn darin die Fähigkeit, sich gegen verbale Angriffe zu verteidigen, als Grundvoraussetzung für eine Kontaktaufnahme oder gar für eine zwischenmenschliche Beziehung mit der betreffenden Person aufgeführt wäre. Hier war ganz offensichtlich jemand genauso frustriert wie ich über diese ganze notorische Oberflächlichkeit, das hirnlose Gesabbel und Gebaggere und auch über den ständigen aufgesetzten (oder eingebildten?) Zwang, anderen Menschen unbedingt um jeden Preis gefallen zu müssen. Notfalls bis zur totalen Selbstverleugnung.

Seltsamerweise hat mich gerade die Aggressivität und auch gewisse Kratzbürstigkeit, die in diesem Profil zum Ausdruck kam, angeprochen, wohl, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt selbst gerade in einer ähnlichen Gemütslage befand wie die Verfasserin beim Schreiben dieser Zeilen und das Geschriebene insofern sehr gut nachvollziehen konnte. Und so habe ich ausgerechnet diese Person angeschrieben. Nicht irgendwelche Mädels mit tollen Fotos, aber ohne jede Aussagekraft. Nicht irgendwelche Damen mit netten, möglicherweise im Netz zusammengeklauten, jedenfalls ziemlich profillosen Texten, die einfach nur dazu dienen sollten, möglichst jedem zu gefallen. Sondern das einzige Profil mit echter Persönlichkeit.

Damals hätte ich nie geahnt, zu was dies alles führen würde. Und wenn jemand es mir gesagt hätte, wer weiß, vielleicht hätte ich mich darüber dermaßen erschrocken, daß ich mich gar nicht mehr getraut hätte, überhaupt einen Satz zu schreiben, aus Angst, das Falsche zu sagen und damit alles zunichte zu machen. So aber konnte ich völlig unverkrampft an die Sache herangehen, da ich ja gar nichts zu verlieren hatte - und genau deshalb habe ich am Ende alles gewonnen. Heute an Neujahr vor einem Jahr haben wir uns kennengelernt (wenngleich der persönliche Kontakt danach noch einige Zeit auf sich warten ließ), und ich möchte meiner Partnerin hiermit ganz offen und für alle hörbar entgegenrufen: Ich liebe Dich!

Unter diesen veränderten Bedingungen sollte Silvester 2009 so anders werden als die ganzen letzten Jahre zuvor! Zwar gab sich meine Mutter alle Mühe, herumzumuffeln und schlechte Laune zu verbreiten. Nichts, was man ihr vorgeschlagen hat, wollte sie für sich annehmen. Statt dessen stellte sie sich lieber demonstrativ als armes, verkanntes und alleingelassenes Mütterchen dar, das allein zu Hause bleiben müsse - obwohl wir ihr mehrfach angeboten hatten, mitzukommen und mit uns zu feiern, damit sie genau dies eben nicht gemußt hätte. Aber sie hat mittlerweile eine gewisse Meisterschaft darin entwickelt, sich selbst mit aller Gewalt jeden Spaß und jede Freude zu versauen und dann andere für ihr Elend verantwortlich zu machen.

Statt (wie meine Mutter es wohl lieber gesehen hätte) wieder einmal nur an den Teich im Park hinter dem Haus zu gehen und dort mit dummen und langweiligen Leuten einen dummen und langweiligen Jahreswechsel zu verbringen, bin ich mit meiner Liebsten dorthin gegangen, von wo aus ich das allererste Mal mit ihr telefoniert hatte: An den Nordhang des Teutoburger Waldes, hoch über dem Oetkerpark, wo man von einem Fußweg oberhalb der diversen Kleingartenanlagen einen tollen Ausblick über die ganze Innenstadt und den gesamten alten Bielefelder Westen hat. Einige Zeit danach waren wir bei einem ihrer ersten Besuche in Bielefeld hier entlanggewandert, und ganz in der Nähe hatten wir uns erstmals gegenseitig unsere Liebe eingestanden.

Meine Mutter hat uns zwar eine halbe Stunde vor Mitternacht dort hochgefahren, aber offensichtlich nur, um hinterher noch besser darüber meckern zu können, daß sie doch immer alles für uns tun müsse und wir sie im Gegenzug ach so schlecht behandeln und sie alleine zu Hause sitzen lassen würden. Dabei hatten wir vorher stundenlang auf sie eingeredet, um sie doch noch zum Mitkommen zu bewegen, aber sie wollte ja nicht. Außerdem hatten wir ihr mehrfach angeboten, anschließend zu Fuß zurückzukommen, damit sie zum Jahreswechsel auch ein Gläschen Sekt oder Wein trinken könnte. Was sie jedoch nicht daran gehindert hat, uns hinterher, als wir tatsächlich zu Fuß nach Hause kamen, massive Vorhaltungen darüber zu machen, daß sie angeblich wegen uns nichts habe trinken können.

Dieses Mal hatten wir uns aber vorgenommen, uns (im Gegensatz beispielsweise zu den nicht unbedingt erquicklichen Vorkommnissen an Heiligabend) von ihrem deprimierenden Altersstarrsinn nicht die gute Laune verderben zu lassen. Kurz vor Mitternacht, während unten in der Stadt ungeduldige Mitbürger bereits tausende von Raketen und Fontänen in den etwas nebeligen Nachthimmel steigen ließen, trafen wir in unserem Zielgebiet ein und suchten uns ein schönes Plätzchen mit guter Aussicht über die Stadt. Einige andere Leute hatten die gleiche Idee gehabt, außerdem nervten ein paar blöde Taxifahrer, die ausgerechnet um Mitternacht hierher fahren und sich in der Einfahrt zur Kneipe der Kleingartenkolonie festfahren mußten. Aber alles in allem stellte es sich als eine richtig gute Entscheidung heraus, hier oben den Jahreswechsel zu verbringen.

So stießen wir dann um Mitternacht mit Wikingerblut aus uralten Zinnbechern (vor deren Verwendung meine Mutter uns natürlich vorher eindringlich gewarnt hatte) auf den Jahreswechsel an und genossen die herrliche Aussicht auf ein grandioses Feuerwerk, wie ich es in dieser Form noch nicht gesehen hatte - vermutlich, weil wir Silvester jahrzehntelang immer nur im eigenen Garten bzw. nach dem Umzug von 1993 am Teich im Park hinter dem Haus gehockt hatten, wo man gelinde gesagt nicht allzu viel von der Welt mitbekommt. Wildfremde Menschen wünschten uns ein frohes neues Jahr, ohne daraus gleich ableiten zu wollen, uns (wie sonst unsere Nachbarn) nach Herzenslust auf den Sack gehen zu dürfen. Und auch unser eigenes, privates Feuerwerk kam hier oben später noch sehr schön zur Geltung.

Und so endete mit dieser schönen kleinen Feier (man könnte es fast eher "Zeremonie" nennen) ein außergewöhnliches Jahr - außergewöhnlich vor allem deshalb, weil man es diesmal nicht verjagen mußte. Schließlich hatte es uns beiden doch ein noch beim letzten Jahreswechsel völlig unvermutetes Glück gebracht. Aber auch in Bezug auf das neue Jahr war dieser Jahreswechsel anders, konnte ich es doch zum ersten Mal seit langer Zeit weniger mit Angst (vor noch mehr Trostlosigkeit) als vielmehr mit großer Vorfreude auf die Erlebnisse begrüßen, die es uns beiden gemeinsam noch bringen mag. Dieses Mal bedarf der Jahreswechsel auch keiner hochfliegenden Vorsätze bezüglich dessen, was im neuen Jahr alles besser werden soll. Ich wünsche mir vom neuen Jahr eigentlich nur eines: Das gleiche Glück wie im alten Jahr.

Sonntag, 6. Dezember 2009, 15:30

Impressionen aus dem Kraftwerk Boxberg

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag meiner künftigen Schwiegermutter durften wir an einer sehr individuellen Führung durch das Braunkohle-Kraftwerk Boxberg teilnehmen. Beide Eltern meiner Liebsten arbeiten dort, und ihr Vater (seines Zeichens Schichtleiter) führte unsere Gruppe durch fast alle modernen Bereiche des Kraftwerkes. Leider dürfen die nach der Wende wegen unzureichender Effizienz und mangelnder Filtertechnik stillgelegten alten Teile des Kraftwerks von Besuchern nicht mehr betreten werden, obwohl uns das sicherlich auch sehr interessiert hätte.

Für mich persönlich hat dieses Kraftwerk insofern eine besondere Bedeutung, als daß ich damals nach der Wende im sogenannten Politikunterricht (Zwangs-Ergänzungskurs, am späten Nachmittag, um diejenigen, die dieses Fach nicht freiwillig gewählt hatten, mit Freizeit-Entzug und Hausaufgaben bis tief in die Nacht zu bestrafen) einen umfassenden Vortrag über Umweltprobleme in der ehemaligen DDR halten mußte und dabei natürlich auch an der Erzeugung von Energie aus Braunkohle nicht vorbeigekommen bin. In den 80er Jahren war Boxberg mit einer installierten Gesamtleistung von 3.520 Megawatt das größte Kraftwerk der DDR und das größte Braunkohlekraftwerk Europas.

Nach Stillegung der 12 älteren DDR-Blöcke aus den 60er und 70er Jahren liegt Boxberg mit 1.900 MW bundesweit nur noch auf Platz 9. Nach Fertigstellung des derzeit im Bau befindlichen, neuen Blockes R wird es jedoch mit 2.570 MW immerhin wieder auf Platz 4 liegen (hinter den beiden derzeitigen "Spitzenreitern" Niederaußem und Jänschwalde sowie dem gigantomanischen Neubau in Neurath bei Grevenbroich, dessen beide neuen Blöcke trotz diverser tödlicher Unfälle auf der "größten Baustelle Europas" angeblich noch 2010 in Betrieb gehen sollen, womit dieses Kraftwerk dann mit insgesamt 4.400 MW unangefochten die Nummer 1 wäre).

Die Führung durch das Kraftwerk Boxberg war sehr beeindruckend. Es ist allerdings schwer möglich, die gigantischen Ausmaße der Anlagen jemandem zu beschreiben, der diese nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Schon die Turbinenhalle ist riesig, aber noch gar nichts gegenüber dem Gebäude, das die gewaltige Brennkammer beherbergt und mit fast 160 Metern Höhe die Ausmaße eines ausgewachsenen Wolkenkratzers hat - auch wenn einem Betrachter das Einschätzen der tatsächlichen Höhe angesichts des völligen Fehlens äußerlich sichtbarer Stockwerke schwer fällt. Der Ausblick vom Dach des Hauptgebäudes ist jedenfalls atemberaubend.

Die meisten der einst knapp 300 Meter hohen Schornsteine wurden bereits gesprengt oder abtragen, da sie seit der Nachrüstung der Rauchgaswaschung nicht mehr benötigt wurden. Dafür bestimmen jetzt die Neubauten des riesigen Blockes aus den 90er Jahren bzw. des aktuellen Neubaus und ihre kaum minder gewaltigen Kühltürme das Bild. Zur Zeit werden sie immer noch flankiert von einer ganzen Batterie älterer Kühltürme aus der Zeit der DDR, von denen allerdings ebenfalls bereits einige abgerissen wurden. Der Blick reicht weit über die Tagebaue, die die vom Kraftwerk benötigte Braunkohle liefern. Von einer natürlichen Landschaft kann in dieser Gegend allerdings kaum noch die Rede sein, das können auch die wieder eingewanderten Wölfe nicht kaschieren.

Gerne würde ich an dieser Stelle Fotos aus dem Inneren des Kraftwerkes zeigen, aber ich schätze, daß der Betreiber Vattenfall wohl vermutlich etwas dagegen haben würde. Gegen einige Außenaufnahmen des Kraftwerkes sowie ein paar Ausblicke vom Dach dürfte hingegen wohl nichts einzuwenden sein. Außerdem gibt es ein paar Aufnahmen von einem alten Schaltpult aus der Anfangszeit des Kraftwerkes im kraftwerkseigenen Museum. Da sah die Technik noch richtig niedlich aus! Und man hatte als Bediener tatsächlich noch etwas Richtiges zum Anfassen. Die gleichen russischen Bauelemente sollen übrigens auch auf der Raumstation MIR verwendet worden sein.

Zum Abschluß des Artikels folgen noch ein paar spektatuläre Fotos aus dem untersten Teil der Brennkammer, in welchen man über eine ganze Batterie von mit Spezialglas versehenen Klappen hineinschauen kann. Angesichts dieser Bilder, die einem Blick in das tiefste Herz der Hölle gleichzukommen scheinen, fällte es einem ziemlich schwer, sich zu vergegenwärtigen, daß es sich hierbei in Wirklichkeit nur noch um die glühende und ausbrennende Asche handelt und daß der eigentliche Verbrennungsvorgang, der die zur Dampferzeugung und damit zur Stromgewinnung nutzbare Energie erzeugt, mehr als 100 Meter weiter oben stattfindet.

Außenansicht des größten Kraftwerks-Blockes (907 MW):



Aussicht vom Kraftwerks-Dach auf die älteren Kühltürme:



Aussicht vom Dach auf den derzeit modernsten Kühlturm:



"Schüttgut-Absetz-und-Wiederaufnahmegerät" (Schaufelradbagger):



Russisches Schaltpult mit bunt aufgemalten Schaltkreisen:



Das war damals noch richtige Technik "zum Anfassen":



Impressionen aus dem tiefsten Herzen der Hölle, Teil 1:



Impressionen aus dem tiefsten Herzen der Hölle, Teil 2:



Impressionen aus dem tiefsten Herzen der Hölle, Teil 3:



Impressionen aus dem tiefsten Herzen der Hölle, Teil 4:

Montag, 30. November 2009, 21:00

Die volle Familien-Dröhnung

Die vergangenen vier Tage stellten für mich den Höhepunkt und krönenden Abschluß eines alles in allem sehr anstrengenden Monats da. Nachdem ich Anfang November ein neues Projekt bei einem Softwarehaus in Dortmund begonnen hatte, welches mich unter der Woche fast täglich 10 Stunden lang forderte, stand das Monatsende im Zeichen eines gänzlich anderen Ereignisses von deutlich privaterer Natur. Die Mutter meiner Liebsten, also (wenn nichts mehr schiefgeht) meine zukünftige Schwiegermutter, feierte am 26. November ihren 50. Geburtstag. Wobei diese Aussage so eigentlich bereits nicht ganz korrekt ist, denn gefeiert wurde praktisch durchgängig vom 26. bis zum 29. November. Und meine Liebste und ich waren für das ganze Programm in die Lausitz eingeladen.

Damit aber noch nicht genug: Da ich die Familie meiner Liebsten zuvor noch nicht kennengelernt hatte, stellte diese Einladung gleichzeitig auch meinen Antrittsbesuch bei ihren Eltern dar. Glücklicherweise sollte dies - der ursprünglichen Zeitplanung zufolge - wenigstens quasi in Raten erfolgen. Am Donnerstag (nach der etwa siebenstündigen Anreise mit diversen Staus) hätte uns eigentlich nur die Mutter selbst vor Ort erwarten sollen, während der Vater noch unterwegs gewesen wäre, um seine Eltern abzuholen, und mit ihnen am Freitag auf der Bildfläche erschienen wäre. Und erst am Samstag hätte ich dann den gesamten Rest der Familie kennenlernen sollen. Soweit, wie gesagt, der Plan.

Endlich in der Lausitz angekommen, stellte sich die Situation jedoch vollkommen anders dar. In trauter Runde erwarteten uns im Wohnzimmer der Familie nicht nur die Eltern meiner Liebsten, sondern auch noch alle vier Großeltern, ein Onkel und obendrein auch noch die Familienkatze, übrigens der wohl größte Kater, den ich jemals gesehen habe. Zum Glück hat mich wenigstens dieser vollkommen ignoriert, aber auch sonst hatte ich alle Hände voll zu tun, jegliche Peinlichkeiten und Fettnäpfchen zu vermeiden und auch sonst einen möglichst guten Eindruck zu machen. Zum Glück gab es zwischendurch wenigstens noch eine kurze Verschnaufpause, da wir noch das für uns angemietete Zimmer in der örtlichen Freizeiteinrichtung beziehen mußten. Dennoch wurde es ein sehr langer und anstrengender Abend, aber zumindest hat mich niemand gefressen oder in der Luft zerrissen.

Nachdem auf diese Weise der schlimmste Teil überstanden war, haben wir uns am nachfolgenden Freitag für einige Stunden verdrückt und eine Freundin meiner Liebsten in Weißwasser besucht. Diese haben wir zunächst mit einem großen Obstkorb beschenkt und sie dann zu ihrer Überraschung zum Geocaching mitgeschleppt. Was sie letzten Endes davon gehalten hat, ist mir nicht ganz klar, aber jedenfalls sind wir auf diese Weise allesamt etwas an die frische Luft gekommen, was uns zwischen den ganzen Feierlichkeiten sicherlich einmal ganz gut tat. Außerdem haben wir uns gemeinsam noch ein Bißchen das mittlerweile endlich weitgehend renovierte Schloß und den Schloßpark des Fürsten Pückler in Bad Muskau angesehen.

Mittlerweile war noch mehr Verwandtschaft eingetroffen, so daß ich so langsam begann, den Überblick zu verlieren. Nach einem ausgiebigen Abendessen wurde der Abend mit Bowling verbracht, wobei ich zwar die weniger sportlichen Teilnehmer deutlich abhängen konnte, jedoch den "Profis" wie gewohnt nicht das Wasser reichen konnte. Auch Bowling ist eben nicht so ganz meine Sportart, aber ich habe ja auch niemals behauptet, ein besonders sportlicher Typ zu sein. Am Samstagvormittag ging es dann zu einer ganz individuellen Führung ins Braunkohle-Kraftwerk Boxberg, in dem beide Eltern meiner Liebsten arbeiten. Für mich persönlich stellte dies einen der Höhepunkte des Wochendes dar, über den ich bei Gelegenheit noch separat berichten werde.

Der Samstagabend sollte schließlich den krönenden Abschluß der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag der Gastgeberin darstellen. Mittlerweile waren anscheinend noch mehr Verwandte erschienen, dazu auch noch diverse Nachbarn und Arbeitskollegen, und damit wußte nunmehr auch meine Liebste mit der Mehrzahl der Gäste nicht mehr viel anzufangen. Ein opulentes Festmahl unter anderem mit Wildgerichten wurde aufgetischt, und daran anschließend verlustierte sich ein nicht unerheblicher Teil der Belegschaft erneut beim Bowling, während der Rest in kleinen und größeren Grüppchen über dies und jenes schwatzte.

Für mich begann der Abend zu diesem Zeitpunkt, etwas langweilig zu werden, was sich auch durch das spätere Auftauchen von schätzungsweise 20 weiteren Arbeitskollegen des Geburtstagskindes nicht gravierend änderte. Schließlich hatte ich mit den meisten der Anwesenden absolut kein gemeinsames Gesprächsthema, und die wenigen anderen waren die meiste Zeit über von anderen Leuten belagert. Besonders einer der Kollegen nervte im wahrsten Sinne des Wortes "tierisch" durch irgendwelche Stories über seine offenbar als Hobby betriebene Tierzucht, so daß mir irgendwann nichts anderes mehr übrig blieb, als das Weite zu suchen, bevor es mir dermaßen auf den Kranz gegangen wäre, daß ich unhöflich hätte werden müssen. Statt dessen habe ich mich dann lieber durch die interessanteren Teile der Getränkekarte gearbeitet.

Auch das als große Überraschung und nach ganz viel vorheriger Geheimniskrämerei dargebrachte Geburtstagsständchen der Arbeitskollegen für die Gastgeberin mit selbst verfaßtem Text vermochte den Abend irgendwie nicht mehr so ganz herauszureißen. Wobei ich mich immer noch frage, wieso die Kollegen der Meinung waren, in ihrem Ständchen ausdrücklich vor der Tochter des Geburtstagskindes warnen zu müssen. Tja, Leute, das hättet Ihr mir wohl besser vorher sagen müssen, immerhin bin ich inzwischen schon seit Anfang Februar mit ebendieser Tochter zusammen. Jedenfalls vermochten die selbsterkannten Musikanten den berühmten Satz "Singe, wem Gesang gegeben" leider nur zur Hälfte zu erfüllen, so daß ich ganz froh war, als sie damit fertig waren. Einige Zeit später war es dann überstanden, und wir fielen todmüde und erschöpft ins Bett.

Der darauffolgende Morgen war bereits komplett von Abreisestimmung beherrscht. So ziemlich alle Anwesenden (mittlerweile "nur" noch die doch ziemlich weitläufige Familie) wirkten von den Feierlichkeiten erschöpft. So wurden beim Frühstück relativ still und leise die reichlich vorhandenen Reste vom Abendessen vertilgt. Obwohl meine Liebste und ich mit Abstand die weiteste Heimreise hatten, blieben wir am längsten und reisten erst kurz vor dem Mittag ab. Unsere Gastgeber schienen von der ganzen Anstrengung dermaßen fix und alle zu sein, daß es zu keiner ausführlichen Verabschiedung mehr reichte. So machten wir uns denn auf den langen und zeitraubenden Rückweg, allerdings nicht ohne zuvor noch mit gefühlt einem halben Kofferraum voll selbstgebackenem Christstollen ausgestattet worden zu sein.

Auf diese Weise fand ein langes Wochenende sein relativ ruhiges Ende. Na ja, was heißt hier eigentlich "Ende" - schließlich mußte ich, nachdem ich von Donnerstag bis Sonntag die volle Familien-Dröhnung abbekommen hatte, uns noch bis ins Ruhrgebiet zurück fahren und zwischendurch obendrein noch einen mehrstündigen Zwischenhalt zu Hause in Bielefeld einlegen, weil ich noch meine Umsatzsteuervoranmeldung für November abgeben mußte (denn vor dem 10. Dezember komme ich nicht mehr nach Hause, wo ich alle dafür benötigten Unterlagen beisammen habe). Aber auch das hat irgendwie noch funktioniert. Vollkommen erledigt fielen wir kurz vor Mitternacht ins Bett - was aber natürlich nicht heißt, daß ich heute nicht gleich schon wieder in aller Herrgottsfrühe hätte aufstehen müssen.

Wenigstens scheine ich die gleichzeitige Vorstellung bei praktisch der gesamten Familie meiner Liebsten einigermaßen unbeschadet überstanden zu haben. Ich habe mich nicht blamiert, niemand hat mir offene Ablehnung entgegengebracht, vielleicht mag mich sogar der eine oder andere, aber um das wirklich herauszufinden, war die Zeit zu knapp und die Menge der geladenen Gäste nun auch wieder eindeutig viel zu groß. Was allerdings derartige monströse Feierlichkeiten im größtmöglichen Kreise angeht, so mußte ich wieder einmal feststellen, daß mir diese doch einigermaßen zuwider sind. Wenn wir irgendwann auf die Idee kommen, zu heiraten, sollten wir uns dafür dringend irgendeinen Modus überlegen, bei dem allein schon die gewählte Örtlichkeit die Zahl der teilnehmenden Personen drastisch einschränkt. Vielleicht in einem Heißluftballon. Oder in einem Mini-U-Boot. Oder in einer Mondrakete...

Mittwoch, 25. November 2009, 23:00

Impressionen aus dem Leinbachtal (Pfalz)

Aus beruflichen Gründen komme ich zur Zeit unglücklicherweise nicht dazu, wie gewohnt ausführliche Kommentare zum großen und kleinen Weltgeschehen zu bloggen. Zum Ausgleich möchte ich hier aber wenigstens mal ein paar Impressionen aus dem schönen Leinbachtal in der Pfalz zeigen. Gerade im Herbst, wenn die Blätter an den Bäumen bunt werden und nach und nach zu Boden fallen, zeigt sich diese schöne Gegend von einer besonders charmanten Seite. Lehnt Euch beim Betrachten der Bilder zurück, genießt und träumt - vielleicht von einem eigenen wunderschönen Herbst-Ausflug in den Pfälzer Wald im nächsten Jahr...

Leinbach und Biedenbacherwoog:



Biedenbacherwoog und alter Trift-Teich:



Ein weiteres Woog weiter oben im Tal:



Herbststimmung am Flößerteich:



Die alte Brücke über den Leinbach:



Oktobersonne flutet über den Wanderweg:



Licht- und Schattenspiel in den Blättern:



Wanderung durch den herbstlichen Wald:



Seltsames Holz-Kunstwerk am Wegesrand:



Kleine Treppe, von Herbstlaub bedeckt:



Stilleben mit verschiedensten Brauntönen:



Blick hinauf ins schwindende Blätterdach:

Donnerstag, 15. Oktober 2009, 19:24

Wie, wo, was, weiß OBI - aber verrät es keinem!

Am vergangenen Wochenende habe ich während unserer Suche nach dem Geocache GC1WWH1 "Trau Dich 20 - Altes Zollamt" in Leipzig meinen schönen Schraubenzieher mit den praktischen Wechsel-Bits verloren. Das gute Stück hatte mich über viele Jahre und diverse Umzüge hinweg treu begleitet. Jetzt liegt es auf einem Fahrstuhl, der in seinem Schacht feststeckt und sich wohl nie wieder vom Fleck rühren dürfte.

Heute Nachmittag war ich bei OBI, um einen Ersatz für diesen Verlust zu kaufen. Im Schraubenzieher-Regal in der Werkzeugabteilung gab es jedoch lediglich ein einziges Modell mit Wechsel-Bits. Dieses kostete satte 22,49 € und hatte einen dermaßen klein geratenen Griff, daß vermutlich nicht einmal meine Liebste damit vernünftig arbeiten könnte. Für mich war er jedenfalls deutlich zu klein.

Also habe ich mal einen OBI-Mitarbeiter, der in der Nähe im Schneckentempo mit dem Einräumen eines Regals beschäftigt war, angesprochen, ihm den Schraubenzieher unter die Nase gehalten und gefragt: "Gibt's das auch für Männer?" Der Typ glotzte erst nur ziemlich blöde, aber als ich ihm dann erklärt hatte, daß ich einen Schraubenzieher mit einem größeren Griff suchte, meinte er, nein, das sei leider das einzige Modell mit austauschbaren Bits.

Etwas später fand ich zufälligerweise in einem völlig anderen Regal zwischen Klemmen und diversem anderem metallenen Gedöns einen ganzen Korb voller wunderschöner Schraubenzieher mit einem hinreichend dicken Griff und diversen auswechselbaren Schrauber-Bits. Diese kosteten lediglich 3,29 € und verfügten im Gegensatz zu dem fast sieben Mal so teuren anderen Modell auch noch über einen Teleskop-Magneten z. B. zum Aufheben von heruntergefallenen Schrauben.

Als ich etwas später dem selben OBI-Mitarbeiter anklagend diesen Schraubenzieher vor die Nase gehalten habe, war dieser keineswegs überrascht, sondern antwortete mir glatt: "Ja, aber das ist doch nur Billigware." Ach so, dachte ich bei mir, jetzt wird mir so einiges klar! OBI möchte offensichtlich nur teure Produkte verkaufen, selbst wenn diese den Kunden überhaupt nicht zufrieden stellen, und sogar auf das Risiko hin, daß der Kunde dann woanders kauft.

Wie, wo und was weiß OBI offenbar ganz genau, aber verrät es lieber keinem, sondern gibt sogar (offenbar wissentlich) falsche Auskünfte, um den Kunden abzuzocken. Ich schätze mal - um auf eine ältere OBI-Werbung zurückzukommen - bei Eisen-Karl wäre das nicht passiert! Nur zu schade, daß es in Bielefeld keinen so tollen Fachhändler für Metallwaren wie z. B. Ohlendorf in Braunschweig gibt, sonst hätten mich die orangenen Eichhörnchenwemser zum letzten Mal gesehen...!

Mittwoch, 30. September 2009, 16:25

Mit Freiberuflern kann man's ja machen...

In letzter Zeit stelle ich zu meinem Verdruß wieder einmal fest, daß Projektgeber und Projektvermittlungen offenbar der Meinung sind, daß man mit Freiberuflern umspringen kann, wie man gerade lustig ist. Um kurz das Themenfeld zu umreißen: Ich bin seit Anfang 2005 als freiberuflicher Berater im IT-Bereich tätig. Projekte bei größeren Firmen werden normalerweise nur über Projektvermittlungen in Auftrag gegeben, welche bei derartigen Ausschreibungen oft gegeneinander konkurrieren. Für ihre Vermittlertätigkeit kassieren diese Firmen ganz ordentliche Prozentsätze von den Stundensätzen, die die Endkunden an die auf diese Weise vermittelten Berater bezahlen.

Das übliche Vorgehen dieser Agenturen besteht darin, Anfragen für Ausschreibungen, die bei ihnen eintrudeln, auf ihre eigenen Webseiten und/oder bei darauf spezialisierten Online-Anbietern wie GULP.de einzustellen. Da sich kaum ein Vermittler jemals die Mühe macht, derartige Unternehmens-Ausschreibungen mit eigenen Worten umzuformulieren, findet man auf diese Weise oftmals bei mehreren Anbietern ein und den selben Text. Als interessierter Freiberufler schreibt man diese Firmen dann an, erklärt mit vielen Worten, warum man der perfekte Kandidat für dieses und genau dieses Projekt ist, und schickt der jeweiligen Projektvermittlung sein Beraterprofil zu.

Meistens wird daraufhin von einem verlangt, die darin enthaltenen Daten noch einmal in eines oder teilweise auch mehrere, natürlich für jede einzelne Vermittlerfirma spezifische Formulare einzutragen (als wenn man nichts Besseres zu tun hätte - wofür bekommen diese Firmen eigentlich ihre Prozente?). Anschließend landet man mit seinen Daten beim jeweiligen Vermittler in einer großen Datenbank, hört in den allermeisten Fällen von dem ursprünglich angefragten Projekt nie wieder etwas, wird aber eventuell später wieder für weitere Projekte kontaktiert. Bei manchen Anbietern soll man die selben Formulare allerdings immer und immer wieder ausfüllen. Manchmal sogar noch per Fax!

Über diesen ganz alltäglichen Wahnsinn hinaus leisten sich einige Vermittlerfirmen oder die von ihnen vertretenen Kunden allerdings immer mal wieder ein Verhalten, welches einen nur noch mit dem Kopf schütteln und an seinem gesunden Menschenverstand zweifeln läßt. Anfang 2006 hatte mich beispielsweise ein Vermittler für ein Projekt bei einer der weltweit führenden Airlines vorgestellt. Monatelang war angeblich alles klar, der Kunde wollte mich angeblich unbedingt anheuern und es waren angeblich nur noch Details zu klären, so daß es angeblich jeden Tag mit dem Projekt hätte losgehen können. Nach über drei Monaten wurde dann plötzlich von einem Tag auf den anderen das gesamte Projekt ohne jede Begründung gestrichen.

Etwas ganz Ähnliches erlebe ich derzeit mit einem Projektvermittler, der einen ziemlich großen Kunden aus dem Bereich der - sagen wir mal - Nahversorger betreut. Seit etwa einem Monat heißt es von Seiten der Projektvermittlung immer wieder, daß der Kunde akuten Bedarf nach sofortiger Unterstützung für ein äußerst dringendes Projekt hat. Angeblich soll mich der dafür zuständige Projektleiter des Kunden bei allernächster Gelegenheit anrufen - heißt es jetzt mittlerweile schon seit mehr als vier Wochen. Angeblich kommt er immer nicht dazu, weil sein Projekt so dringend und so unterbesetzt ist, daß er nicht einmal die Zeit dazu findet, sich um die benötigte externe Unterstützung zu kümmern. Also, ich würde dem Mann ja gerne helfen...

Erst heute Morgen hat mich die Sekretärin der betreffenden Projektvermittlung wieder einmal angerufen. Ihr Chef habe ihr gesagt, sie solle mich bitte noch einmal anrufen und mich davon in Kenntnis setzen, daß ihr Kunde mich jetzt aber auch wirklich mit Sicherheit ganz unbedingt heute im Laufe des Tages vielleicht anrufen wolle, wenn er es nicht wieder vergessen sollte... Überflüssig zu sagen, daß dieser vollmundig angekündigte Anruf auch heute wieder einmal ausgeblieben ist. Ich möchte echt einmal wissen, ob diese Leute allen Ernstes glauben, daß man als Freiberufler nichts Besseres zu tun hat, als monatelang nur darauf zu warten, ob sie sich nun entscheiden können oder nicht. Vermutlich glauben sie es tatsächlich. Aber so ist es selbstverständlich nicht!

Einen anderen Schwank aus dem projektvermittlerischen Komödienstadel erlebe ich im Moment gerade mit einem anderen Dienstleister, der sich an einer Ausschreibung für den Öffentlichen Dienst beteiligt. Da man als selbständiger Freiberufler bekanntlich keine Arbeitszeugnisse für seine absolvierten Projekte bekommt, möchte der öffentliche Kunde diese naturgemäß fehlenden schriftlichen Referenzen offensichtlich durch ein eigenes, handgestricktes Formblatt ersetzen, auf dem man sich von seinem Projektleiter im letzten Projekt bescheinigen lassen soll, daß, was und wie gut man dort gearbeitet hat. Der traurige Höhepunkt dieser absolut branchenunüblichen Vorgehensweise ist die schöne Formulierung: "Die Bewertung des Projekteinsatzes muß ein Ansprechpartner vom Referenzprojekt vornehmen."

Die hierbei getroffene Wortwahl läßt mich argwöhnen, daß entweder der Vermittler oder (was wahrscheinlicher ist) sein Kunde aus dem öffentlichen Dienst von völlig falschen Voraussetzungen über das reale Wirtschaftsleben ausgehen. Ein Ansprechpartner eines Referenzprojektes *muß* nämlich grundsätzlich erst einmal gar nichts, sondern steht allerhöchstens netterweise und ohne das Vorliegen irgendeiner Auskunftsverpflichtung zur Verfügung, sofern es ihm denn seine Zeit und das eigene Arbeitspensum erlauben, was gerade heutzutage nicht mehr unbedingt als selbstverständlich angesehen werden kann. Schließlich wird er ja weder von der Vermittlung noch von ihrem Kunden für diese Arbeitsleistung bezahlt.

Als ehemaliger Mitarbeiter im Projekt kann ich ihn höchstens höflichst darum *bitten*, jemandem derartige Auskünfte zu erteilen - es liegt jedoch keinesfalls in meiner Macht, diese ultimativ einzufordern oder gar zu erzwingen. Denn schließlich dürfte solchen Dingen, die nicht zum Job des Auskunftgebenden oder zum operativen Geschäft seines Arbeitgebers gehören, im Vergleich mit der eigenen aktuellen Projektarbeit auch und gerade für einen Projektleiter sicherlich die niedrigste mögliche Priorität zukommen. Es ist also ziemlich vermessen, wenn ein Vermittler oder sein Kunde wie selbstverständlich erwarten, daß andere Unternehmen für solche Auskünfte mit Priorität teuer bezahlte Arbeitszeit bereitstellen.

Nichtsdestotrotz habe ich besagtes Formular mit einem netten verbalen Blumenstrauß an meinen früheren Projektleiter zum Ausfüllen weitergeleitet. Daraufhin erlebte ich die nächste unliebsame Überraschung. Beim Projektgeber, einem namhaften deutschen Großunternehmen, ist man offenbar der administrativen Meinung, man dürfe derartige Auskünfte nicht geben, weil ich ja gar keinen Vertrag mit der Firma selbst, sondern einen mit meiner Vermittlung und diese wiederum ihrerseits einen mit dem Unternehmen hatte. Demzufolge muß nach Ansicht des Unternehmens meine Vermittlung das Formular ausfüllen. Man kapriziert sich auf die (rechtlich bislang leider völlig unbegründete) Aussage, man dürfe selbst keine Auskünfte über die Arbeit externer Berater im eigenen Hause geben, sondern müsse dies dem Projektvermittler überlassen.

Daraus ergeben sich natürlich zwei grundlegende Probleme. Zum einen hat offen gesagt niemand bei dieser Projektvermittlung auch nur den geringsten Schimmer, was ich während meiner fast drei Jahre in diesem Projekt fachlich wie technisch geleistet habe. Es hat sich auch nie jemand dafür interessiert, weil die Vermittlungsfirma auch so immer hübsch ihre Prozente kassiert hat. Lediglich die monatlichen Abrechnungen meiner absolvierten Stunden liefen über die Vermittlung. Das Management oder die Verwaltung der Firma wäre daher sicherlich keinesfalls der richtige Ansprechpartner für qualifizierte Auskünfte an meinen potentiellen neuen Endkunden.

Zum anderen wird meine frühere Projektvermittlung sicherlich auch den Teufel tun, durch das bereitwillige Erteilen von Auskünften über meine Arbeit in meinem früheren Projekt einer anderen Projektvermittlung als unmittelbarem Konkurrenten dabei zu helfen, eine Projektausschreibung zu gewinnen. Von dieser Seite ist also gewiß keine Unterstützung zu erwarten (selbst wenn diese, wie gesagt, vermutlich auch wenig hilfreich wäre). Mal ganz abgesehen davon, daß meine aktuellen Verhandlungen mit irgendwelchen anderen Vermittlern meine frühere Projektvermittlung auch wohl kaum etwas angehen. Und das alles nur, weil mein früherer Kunde sich aus unerfindlichen Gründen querstellt, obwohl er selbst damals vor Projektbeginn auch alle möglichen Auskünfte eingefordert hatte.

Insgesamt hat mich allein diese eine Projektausschreibung mit der ganzen Ausfüllerei diverser fragwürdiger Formulare, dem Senden, Empfangen, Beantworten, Weiterleiten, Zurückschicken und Archivieren von E-Mails, dem Betteln um Referenzauskünfte und den umfangreichen Erklärungen für die neue Projektvermittlung und für ihren Endkunden im öffentlichen Dienst bereits so viel Arbeitszeit gekostet, daß deren Wert in Euro unter Anrechnung marktüblicher Stundensätze langsam aber sicher den dreistelligen Bereich nach oben hin verläßt. Und dies, obwohl weder sicher ist, daß die Vermittlung tatsächlich Chancen hat, die öffentliche Ausschreibung zu gewinnen, noch, daß ich im Erfolgsfall auch tatsächlich mit diesem Projekt beauftragt werden würde. Und für meine bisherigen Bemühungen bekomme ich natürlich selbst im Erfolgsfall keinen Cent.

Da lobe ich mir letzten Endes doch fast schon wieder diejenigen Firmen, die sich auf die Zuschriften von Bewerbern konsequent überhaupt nicht melden und einem nicht einmal eine Absage erteilen, wenn man nicht berücksichtigt wird oder aus dem ganzen Projekt nichts geworden ist. Dabei kommt zwar logischerweise auch nicht mehr heraus, aber in diesem Fall verplempert man seine kostbare Zeit wenigstens nicht mit im Endeffekt vollkommen unnützer Arbeit und verbringt nicht wochenlang immer wieder ganze Tage damit, völlig sinnlose Formulare auszufüllen oder trantütigen, unfähigen oder einfach nur auskunftsunwilligen Vermittlern hinterherzulaufen. Aber mit Freiberuflern kann man's ja offenbar machen...

Montag, 28. September 2009, 19:38

Deutschland hat gewählt - und nun?

Nun ist sie also vorbei, die mit großer Spannung erwartete Bundestagswahl 2009. Und nachdem sich der Rauch verzogen hat, ist letzten Endes doch irgendwie alles wieder einmal beim Alten geblieben. Die selbsternannten "großen Volksparteien", die schon längst nicht mehr so groß sind, wie sie es selbst noch gerne glauben möchten, setzen ihre langjährige Talfahrt unbeirrt fort. Die bereits etablierten unter den sogenannten "kleineren" Parteien haben dafür allesamt etwas zugelegt. Aber frischer Wind durch neue politische Kräfte ist immer noch nicht ins Parlament eingezogen.

Die mit Abstand stärkste Wählergruppe sind auch dieses Mal wieder die Nichtwähler, deren Anzahl mittlerweile die 18-Millionen-Marke deutlich überschritten hat und damit fast doppelt so hoch ist wie die der SPD-Wähler und vor allem größer als die summierte Anzahl der Wähler der beiden Parteien CDU und FDP zusammen, die trotzdem oder vielmehr gerade deswegen jetzt die Regierung stellen. Wohl nie zuvor hat sich ein(e) Kanzlerkandidat(in) als Wahlsieger(in) fühlen dürfen, deren Partei tatsächlich nur von 19 Prozent aller wahlberechtigten Deutschen gewählt wurde!

Dabei standen die Vorzeichen für echte politische Umwälzungen so gut wie schon seit langem nicht mehr. Die Große Koalition hatte sich vier Jahre lang abwechselnd durch Nichtstun oder durch bürgerfeindliche Entscheidungen hervorgetan. So ziemlich jeder im Lande dürfte sich eine völlig andere Politik gewünscht haben. Leider ist es aber nicht gelungen, den Menschen im Lande klarzumachen, daß sie diesmal mit ihrer Stimme eine realistische Chance gehabt hätten, tatsächlich etwas daran zu ändern. Und so sind die Politikverdrossenen leider wieder einmal zu Hause geblieben, anstatt die existierenden Alternativen zu wählen, und haben damit dafür gesorgt, daß alles beim Alten bleibt.

Bei der einen oder anderen kleineren Partei ist es sicherlich eher von Vorteil, daß sie aus der Schwäche der großen Parteien keine Gewinne herauszuschlagen vermochte. So sind erfreulicherweise die rechten Parteien nicht stärker geworden, auch die christlichen Fundamentalisten sind zum Glück für unser Land nicht nennenswert erstarkt, und für spiritualistische Spinner, die alle Probleme der Welt durch kollektive Meditation oder durch yogische Flieger lösen möchten, ist in diesem Lande offenbar auch kein Platz. Dies zeigt, daß die Deutschen zumindest in der Lage sind, zu erkennen, daß es nichts bringt, bestehenden politischen Schwachsinn durch noch größeren Schwachsinn zu ersetzen.

Schade hingegen ist es um das enttäuschende Ergebnis der Piratenpartei. 845.904 oder 2,0 Prozent der abgegebenen Stimmen sind zwar ein netter Achtungserfolg, der die Partei aus dem Stand auf den sechsten Platz in der Wählergunst befördert (wenn man die CDU/CSU einmal als eine Partei rechnet). Das ist mehr, als die Grünen bei ihrer ersten Bundestagswahl im Jahre 1980 erreicht haben. Aber damit ist natürlich noch nichts gewonnen! Zwar deutet sich an, daß zumindest ein nennenswerter Teil der Bevölkerung es sich nicht mehr länger bieten lassen möchte, wenn auch weiterhin persönliche Freiheitsrechte beschnitten und totalitäre staatliche Instrumente wie Zensur und flächendeckende Video-Überwachung geschaffen werden.

Doch die Massen kann man damit offenbar immer noch nicht mobilisieren. Der einzige kompromißlose Verteidiger der Bürgerrechte zu sein reicht im heutigen Deutschland offenbar nicht einmal für die 5-Prozent-Hürde. Unser Land gibt in dieser Hinsicht leider ein trauriges Bild ab. Und ausgerechnet darauf zu vertrauen, daß die nicht gerade für die Durchsetzung von unumstößlichen Idealen bekannte FDP zum Beispiel in Hinblick auf die geplante Internet-Zensur zu ihren Wahlversprechen steht, kann ja wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluß sein, nachdem die selbe Partei gerade erst in Sachsen zwecks Regierungsbeteiligung alle freiheitlichen Bedenken gegen stärkere staatliche Überwachungsmaßnahmen über Bord geworfen hat.

Wohin also steuert Deutschland nach der Wahl? Änderungen in der Wirtschaftspolitik werden wohl unausweichlich sein, und bei aller Liebe zum Sozialstaat erscheint mir die Kompetenz auf diesem Bereich in der neuen Regierung stärker vertreten zu sein - vorbehaltlich der noch zu treffenden Personalentscheidungen. Außenpolitisch dürfte sich eher wenig ändern, außer daß (wie irgendein Scherzbold letztens sagte) ein möglicher Außenminister Guido Westerwelle sogar Liechtenstein dazu ermutigen könnte, bei uns einzufallen. Für internationale Durchsetzungsfähigkeit dürfte er jedenfalls ebenso wenig stehen wie ein Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Dieser Part dürfte also auch weiterhin Chefsache bleiben.

Aber wenn die Chefin anderweitig beschäftigt ist, dürften in der Innenpolitik leider keine gravierenden Änderungen zu erwarten sein. Wie heißt das Sprichwort doch noch gleich so schön? "Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch." Wenn Frau Bundeskanzlerin Merkel sich auch weiterhin auf die sogenannte Fachkompetenz ihres Kabinetts verläßt, werden unserem Land weitere peinliche und demokratiefeindliche Alleingänge aus dem Hause Schäuble und vor allem aus dem Hause von der Leyen wohl nicht erspart bleiben. Ich fürchte sehr, daß sich gerade in diesen Punkten durch die künftige Regierungsbeteiligung der FDP nichts ändern wird.

Aus dem Innenministerium, das ja wohl kaum umbesetzt werden dürfte, ist ja kürzlich bereits eine Wunschliste für die Zeit nach der Wahl durchgesickert, die zahlreiche weitere, flächendeckende Überwachungsmaßnahmen beinhaltet. In dieser Hinsicht hätte wohl nur ein durchschlagender Wahlerfolg der Piratenpartei etwas ändern können. Und zwar mit mindestens 5 Prozent, so daß letztlich niemand mehr an ihrem Hauptanliegen vorbeigekommen wäre. In diesem Fall hätte es nämlich nach der Wahl nicht nur nicht mehr für schwarz-gelb, sondern nicht einmal mehr für eine Große Koalition gereicht.

Nun ja, vielleicht beim nächsten Mal - sofern beim nächsten Mal überhaupt noch genug Freiheit übrig ist, um deren Erhalt es sich zu kämpfen lohnt. Und genug Freiheit, um diesen Kampf überhaupt noch kämpfen zu können, ohne dafür gleich von staatlichen Stellen wegen eines angeblichen Terrorismusverdachtes oder sonstiger potentieller Greueltaten einkassiert zu werden. In Hinblick auf den Erhalt von Bürgerrechten wie das Recht auf Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit geht unser Land jedenfalls schweren Zeiten entgegen. Aber wir Deutschen tragen daran selbst die Schuld. Denn wir hatten ja die Wahl - aber wir haben sie nicht genutzt!

Mittwoch, 23. September 2009, 18:45

Warnung vor dem elektronischen Personalausweis

Am 18. Dezember 2008 hat der Deutsche Bundestag die Einführung des sogenannten elektronischen Personalausweises beschlossen, der ab dem 1. November 2010 den bisherigen Personalausweis ablösen soll. Neu sind das Scheckkartenformat, ein Chip mit PIN und die digitale Speicherung eines biometrischen Bildes und der Fingerabdrücke des rechten und linken Zeigefingers. Der Ausweis wird außerdem auch einen elektronischen Identitätsnachweis bieten, der es ermöglichen soll, sich mit dem Ausweis und einem besonderen Lesegerät über das Internet elektronisch auszuweisen. Dazu wird eine Software namens "Bürger-Client" benötigt, die zusammen mit dem Ausweis ausgegeben werden soll.

Damit kann im Internet die sogenannte eID-Funktion genutzt werden. Das Verfahren ist etwas kompliziert, aber letzten Endes läuft es darauf hinaus, daß Dienstanbieter im Internet bestimmte, auf dem im Ausweis enthaltenen Chip gespeicherte Informationen übermittelt bekommen. Mit dem neuen Ausweis soll man auch Behördengänge, Online-Einkäufe und Bankgeschäfte tätigen können. Angeblich soll all dies freiwillig sein. Aber wie man es bereits von der erzwungenen Online-Abgabe von Steuererklärungen über ELSTER kennt, dürfte es vermutlich nur eine Frage der Zeit sein, bis auch die Nutzung des neuen Personalausweises zur elektronischen Identifikation und zur Abwicklung des Online-Zahlungsverkehrs verpflichtend wird.

Auf den ersten Blick hört sich all dies vielleicht noch nicht ganz so schlimm an. Aber man vergegenwärtige sich einmal, daß es dann einen einzigen Chip geben wird, auf dem nicht nur unsere sämtlichen personenbezogenen Daten, sondern auch Daten über unsere Finanzen, unser Einkaufsverhalten, unsere Behördengänge etc. gespeichert sind und jederzeit automatisiert abgerufen werden können. Irgendwann werden vielleicht auch noch unsere Gesundheitsdaten hinzukommen, mit der Argumentation: "Wozu noch einen weiteren Chip? Es ist doch viel praktischer, wenn man alles auf nur einer einzigen Karte hat!" Der Ausweis wird also quasi sämtliche Informationen enthalten, die es über einen Menschen gibt.

Im Zeitalter von Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchungen und Internet-Zensur dürfte es für die herrschenden Law-and-Order-Politiker dann nur noch eine Formalität sein, ein Gesetz zu verabschieden, daß einen jederzeitigen Abruf aller dieser Daten durch staatliche Stellen ermöglicht. Wie üblich wahlweise begründet mit angeblicher Terrorismusabwehr, nebulösen Gründen der inneren Sicherheit, Präventivmaßnahmen zur Verhinderung von Gewalttaten oder mit der Verfolgung von Kinderpornograhpie. Und dies alles garniert mit dem üblichen Killer-Argument, wer sich gesetzestreu verhalte, der habe ja auch nichts zu verbergen und nichts zu befürchten.

In der jüngeren Vergangenheit haben unsere herrschenden Politiker jede erdenkliche Möglichkeit genutzt, neue Mechanismen zur Speicherung und Überwachung der Daten der gesamten Bevölkerung zu schaffen. Und diese werden von diversen Behörden auch weidlich ausgenutzt. Ungefähr 80 Anlagen zur Telekommunikationsüberwachung, die von insgesamt 38 Behörden genutzt werden, zeigen, daß es sich bei dieser Nutzung keineswegs um Einzelfälle (wie z. B. in der vielbeschworenen Terrorismusbekämpfung) handelt. Vielmehr rückt eine flächendeckende Überwachung aller Bürger immer mehr in greifbare Nähe.

Die Datenflut, die jetzt auf dem neuen elektronischen Personalausweis gespeichert werden soll, eröffnet in dieser Hinsicht eine neue Qualität. Alles auf einem Chip, alles jederzeit auslesbar - und dies technisch gesehen auch noch völlig problemlos, weil dafür ja die inhärent unsichere RFID-Technologie verwendet werden soll. Damit wird es möglich, die gesamten Daten eines Menschen im Vorbeigehen per Funk aus dem Chip in seinem Personalausweis auszulesen, ohne daß er überhaupt etwas davon merkt. Übrigens prinzipiell nicht nur für Behörden, sondern auch für werbetreibende Firmen und für jede Art von technisch versierten Kriminellen...

Gegen die bereits erfolgte Einführung des biometrischen Reisepasses gab es einigen öffentlichen Widerstand. Daraus haben unserer Law-and-Order-Politiker jetzt offenbar gelernt und versuchen jetzt, uns den neuen Personalausweis über die angeblich so praktischen Funktionen schmackhaft zu machen. Die Medien sind bereits auf diesen Zug aufgesprungen und berichten nur in lobenden Tönen über die Vorzüge des neuen Ausweises. Das Leben soll damit in Zukunft angeblich für alle leichter werden - leichter wird es allerdings vor allem für die Überwachungsfanatiker und für diejenigen Politiker und Behörden, die offenbar ebenso große Angst vor ihrem eigenen Volke haben wie einst die Führung der DDR.

Der neue Personalausweis stellt die Grundlage eines der bisher größten Schritte in Richtung Überwachungsstaat dar. Daten über Konsumverhalten und Finanzgeschäfte waren bisher in keinem Ausweis enthalten. Die jetzt geplante Zusammenführung aller dieser Daten ermöglicht jedem, der sie auslesen kann, jederzeit die Erstellung eines kompletten Persönlichkeitsprofils, das zu beliebigen Zwecken mißbraucht werden kann. Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum "gläsernen Bürger"! Da ist es dann auch kein weiter Schritt mehr zu Szenarien, in denen beispielsweise Zeugen vor Gericht durch Offenlegung von Aussagen über ihr Privatleben moralisch diskreditiert werden oder der Antrag auf Arbeitslosengeld abgelehnt wird, weil man erfolgreich privat Funde von Omas Dachboden auf eBay verkauft.

Übrigens wäre es mit den demnächst neu zu schaffenen technischen Möglichkeiten auch ein Leichtes, mißliebigen Bürgern (z. B. Kritikern des Überwachungsstaates) gefälschte Daten unterzujubeln und sie damit in Mißkredit zu bringen - technisch gesehen eine Kleinigkeit. Für den einzelnen Bürger würde es in diesem Fall äußerst schwer werden, das Gegenteil zu beweisen, denn nach offizieller Lesart ist die neue Technik ja angeblich fälschungssicher. Wir bewegen uns ohnehin bereits in Richtung einer totalen staatlichen Kontrolle über alle Aspekte des täglichen Lebens. Persönliche Freiheiten werden immer mehr eingeschränkt. Der neue elektronische Personalausweis ist perfekt dazu geeignet, diese äußerst gefährliche Entwicklung erheblich zu beschleunigen!