"Wir allein entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist." - Elbenbrosche in Edoras, eigenes Foto, 2005
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Montag, 11. Januar 2010, 01:11

Wochenendende, trübsalselig

Gerade geht ein für mich ziemlich trübseliges Wochenende zu Ende, das sicherlich eher nicht als sonderlich rühmlich oder bemerkenswert in meine ganz persönliche Chronik des laufenden Jahres eingehen wird. Ich blicke auf eine ziemlich ungenießbare Mixtur aus Langeweile, Einsamkeit und Schlafmangel zurück. Und die Chancen stehen gar nicht so schlecht dafür, daß das noch eine ganze Zeit so weitergeht. Wobei früher oder später noch der Faktor Streß dazukommen könnte. Aber immer schön der Reihe nach.

Zur Zeit hänge ich wieder einmal ganz schön in der Luft. Ich habe mich in den letzten drei Wochen seit dem Ende meines vergleichsweise kurzen Projektes in Dortmund um diverse Projekte bei verschiedenen Anbietern beworben, und obwohl es in allen diesen Fällen (wie in dieser Branche üblich) schnell-schnell gehen soll und man als externer Mitarbeiter immer möglichst spätestens vorgestern für Projekte bereitstehen soll, lassen die Projektgeber mich wie üblich allesamt erst einmal hängen. Und dies teilweise schon seit vor Weihnachten.

Zumindest hatte mir das die Gelegenheit gegeben, die Weihnachtsfeiertage und die Zeit "zwischen den Jahren" in Ruhe mit meiner Liebsten zu verbringen. Natürlich hätte ich mich während dieses Zeitraumes auch auf irgendein Projekt vorbereiten können, sofern ich denn gewußt hätte, auf was für eines, und welche Technologien dafür überhaupt benötigt werden. Aber der durchschnittliche Projektgeber zieht es ja leider vor, einem dies frühestens einen Tag vor Projektbeginn mitzuteilen, so daß man sich erst dann einarbeiten kann, wenn keine Zeit mehr dafür vorhanden ist.

Im Laufe der gerade vergangenen Woche habe ich noch eine ganze Reihe weiterer Projektbewerbungen geschrieben, auf welche ich ebenfalls noch keinerlei Antworten bekommen habe. Nach Aussage der Vermittler wird angeblich um diese Zeit des Jahres bei den Projektgebern noch nicht gearbeitet, wobei ich mich ehrlich gesagt so langsam zu fragen beginne, wieviel Urlaubstage eigentlich der durchschnittliche Entscheider in derartigen Personalfragen haben muß, wenn vor und nach Ablauf der Ferien offenbar immer wochenlang niemand im Hause ist.

Wenn es dann irgendwann losgeht, wird wieder alles schnell-schnell gehen müssen. Von einem Tag auf den anderen muß man sich auf ein vollkommen neues Projekt einstellen, und zwischendurch darf man sich an den Wochenenden darum kümmern, am Einsatzort des Projektes eine Wohnung zu finden - solange der Projektvertrag denn überhaupt lange genug läuft, daß sich dies lohnt, denn angesichts von Maklergebühren, meist erst nach vielen Monaten zurückgezahlten Mietkautionen und nicht zuletzt dem Weiterzahlen der Miete bis zum Ablauf der dreimonatigen Kündigungsfrist kann eine Anmietung für nur einen kurzen Zeitraum ziemlich teuer werden.

Dieses Wochenende wäre noch einmal eine Gelegenheit gewesen, in Ruhe und Frieden etwas Zweisamkeit zu verbringen, vielleicht das letzte Mal für längere Zeit. Aber von den ganzen maßlos übertriebenen Horrormeldungen in allen Medien über Schneestürme, Streckensperrungen nach Eisenbahnunfällen und was-weiß-ich-noch-alles getrieben hatte meine Liebste bereits am Donnerstagabend "aus dem Bauch heraus" entschieden, dieses Wochenende lieber zu Hause zu bleiben, anstatt mich (wie ursprünglich geplant) in Bielefeld zu besuchen. Daß ich wegen der winterlichen Straßenverhältnisse und der ständigen Gefährdung durch Sommerreifenfahrer nicht mit dem Auto zu ihr fahre, stand sowieso von vornherein fest.

Entgegen meinem am Telefon geäußerten Ratschlag, doch erst die tatsächlichen Wetter- und Verkehrsverhältnisse am Freitag abzuwarten, hatte sie ihre Entscheidung bereits am Donnerstag unumstößlich gemacht, indem sie erst gar keine Reisetasche gepackt und (wie in solchen Fällen üblich) gleich mit zur Arbeit genommen hat. Als am Freitag dann sämtliche Züge wieder fuhren und auch kein sonderlich schlimmes Wetter in Sicht war, bildete die nicht gepackte Tasche dann das Argument dafür, nicht doch noch zu mir zu fahren. Man könnte fast glauben, daß das Bedürfnis, mich zu sehen, dann wohl nicht allzu groß gewesen sein kann.

Dafür mußte ich aber am Freitagnachmittag noch ganz kurzfristig zur Post losziehen, um ihr auf die Schnelle noch all diejenigen Sachen, welche sie beim letzten Besuch bei mir vergessen hatte, in die Firma zu schicken, damit sie diese auch bloß am Montag zur Verfügung hat. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, wieso ich diverses Schminkzeug auf diese Weise versenden mußte, während Madame sich bei ihrem Anruf nach eigener Aussage gerade in einem Schminkladen befand und dort offenbar (jedenfalls hörte es sich für mich so an) mehr oder weniger die gleichen Artikel gekauft hat. Aber ich habe vermutlich auch kein besonderes Talent zum Frauenversteher.

Eine Stunde lang habe ich allein dafür benötigt, mit Mikroschrott Word einen mehr oder weniger passenden Adreßaufkleber für das blöde Päckchen zu drucken, weil die dafür verwendete Kiste noch mit diversen amerikanischen Zoll-Aufklebern vollgeklebt war, welche ich natürlich irgendwie überkleben mußte. Hoffentlich ist die ganze Sendung wenigstens nicht noch am Samstag ausgeliefert und dann wegen zu geringer Größe des Briefkastens wieder mitgenommen oder gar vor der Tür liegengelassen worden. Was mitten in der Innenstadt von Bochum natürlich eine ganz tolle Idee wäre, aber bei der Post kann man ja nie wissen...

Auf diese Weise außerplanmäßig alleingelassen, konnte ich in der Nacht zu Samstag überhaupt nicht schlafen. Ein paar Stunden habe ich am Rechner gesessen, einige mit Lesen verbracht und zwischendurch immer wieder versucht, Müdigkeit zu entwickeln, aber letzten Endes war doch alles vergeblich. Um 8 Uhr morgens hatte ich es satt, noch einmal ins Bett zu gehen, so daß ich dann lieber aufgestanden bin und nach dem Frühstück eine "kleine" Winterwanderung unternommen habe. Natürlich war der in allen Medien groß angekündigte Scheesturm auch weiterhin ausgeblieben, es rieselten bloß Heerscharen kleiner Flöckchen leise und friedlich vom Himmel.

Also bin ich mit der Straßenbahn nach Gadderbaum gefahren und habe dort zunächst einen relativ sinnfreien Geocache gesucht und gefunden, für den dem Owner offenbar kein besserer Titel als ein simples "Bielefeld" eingefallen ist. Die Tarnung dieses Caches bestand fast nur aus Schnee, so daß ich mich ehrlich gesagt frage, wie er es angesichts des giftgrünen Deckels geschafft hat, bereits vor dem Winter mehrere Monate lang an dieser Stelle zu überleben, ohne von irgendjemandem gesehen und geklaut zu werden. Schließlich gibt es in diesem Stadtviertel auch heutzutage sogar noch Kinder! Aber vermutlich beschränkt sich deren Neugier inzwischen auch nur noch auf den Computer, den Fernseher und die Playstation.

Aufgefallen ist mir unterwegs übrigens, daß insbesondere in der Umgebung des neuen Baugebietes für neureiche Einfamilienhäuser an Ellerbrocks Hof höchstens die Hälfte der Anwohner überhaupt ihrer Schneeräumpflicht nachkommt. Teilweise scheint dort den ganzen Winter über noch niemand geschippt zu haben. An einer dieser Stellen hatte es allerdings jemand fertiggebracht, ein fast perfekt kreisrundes Loch in den tiefen Schnee zu kotzen. Lecker! Weiter oberhalb in Bethel waren ein paar städtische Arbeitskräfte damit beschäftigt, im Zeitlupentempo auf einigen Gehwegen Split zu streuen. Ich hoffe doch sehr, daß die Jungs nicht unterwegs festgefroren sind.

Der zweite Geocache, den ich mir für diesen Tag zu finden vorgenommen hatte, begann in einem Park. Dort angekommen, wurde ich zunächst gefühlt zwanzig Minuten lang von einem finster dreinblickenden Opa mit Hund begafft, bis diesem endlich zu langweilig wurde und er weiterging. Zur Ermittlung der Koordinaten für die zweite Station mußten Nieten an einer Parkbank gezählt werden. Nachdem ich die Bank vom Schnee befreit hatte, stellte ich fest, daß sie sich obendrein auch noch unter einer mehrere Zentimeter dicken Eisschicht befand. Glücklicherweise hatte ich meinen Wanderstab dabei, mit dessen eiserner Spitze ich auch das Eis abschlagen konnte.

An der zweiten Station sollte sich der weiterführende Hinweis in Form eines Nanos in einem Wurzel-Loch befinden. Die Koordinaten wiesen dann auch mitten in ein Wäldchen. Seien wir doch einmal ehrlich: Wer versteckt einen Nano im Wald? Und warum? An der fraglichen Stelle gab es jedenfalls neben einigen kleineren Bäumen einen sehr dicken Baum und einen noch dickeren Baumstumpf, die beide über einem extrem matschigen Bach standen und die beide vor allem auf der Bachseite hunderte von Wurzellöchern ausgebildet hatten, in denen man hunderte von Nanos hätte verstecken können.

Nachdem ich ungefähr eine Stunde lang beide Bäume einer gründlichen Untersuchung unterzogen hatte, bei der ich mehrfach bis zum Rand meiner Stiefel im Schlamm des Baches versunken war und durch ständige Rutschpartien den gesamten Abhang in eine einzige Schlammwüste verwandelt hatte, war ich immer noch so schlau wie zuvor. Der Lust-Faktor bezüglich der Suche nach diesem Cache hatte längst den Fahrstuhl ins siebzehnte Untergeschoß genommen. Also entschloß ich mich, einfach nur noch einen längeren Waldspaziergang zu machen, dabei aber hin und wieder auch nach möglichen weiteren Stationen des Caches Ausschau zu halten - man weiß ja nie...

Abgesehen von einem sehr dekorativ in einer Ritze zwischen zwei Zaunpfählen aus Beton steckenden, abgebrochenen Küchenmesser konnte ich jedoch nichts Verdächtiges mehr finden. Dafür habe ich jedoch wenigstens eine sehr schöne Winterwanderung durch den tief verschneiten Teutoburger Wald gemacht. In der Umgebung der kleinen alten Steinbrüche oberhalb des Eggeweges, westlich gegenüber von Haus Salem, hatte der Nordwind für ganz ordentliche Schneeverwehungen gesorgt. An mehreren Stellen sackte ich bis zu den Knien, einmal sogar bis zur Hüfte in die weiße Pracht ein. Ich hätte angesichts der ständigen Meldungen über den Klimawandel nicht gedacht, daß ich so etwas in meinem Leben in unseren Breiten noch einmal erleben würde.

Auf dem Rückweg mußte ich für meine Mutter beim Marktkauf noch Vogelfutter kaufen, weil ihr die Restbestände vom Vorjahr bei der aktuellen Witterung doch sehr schnell ausgegangen waren. Wir haben dieses Jahr nämlich erstaunlich viele Blaumeisen auf der Terrasse, die ich meines Wissens schon mehrere Jahrzehnte lang nicht mehr oder zumindest nicht mehr bewußt gesehen hatte. Auch ein paar Kohlmeisen, Rotkehlchen und vor allem die Amseln kommen gerne vorbei. Die Kassiererin im Marktkauf war von meiner weißen Kaninchenfellmütze so begeistert, daß sie fast vergessen hätte, daß der Kunde vor mir eigentlich noch bezahlen mußte.

Zu Hause eben aus der Straßenbahn ausgestiegen, fand ich am Fußgängerübergang ein Handy, welches nur wenige Zentimeter neben den Gleisen lag und um ein Haar von der Bahn überrollt worden wäre. Ich habe es sicherheitshalber mitgenommen und eine SMS an die letzte Nummer geschrieben, von der eine SMS eingegangen war. Prompt kam ein Rückruf des Besitzers, kurz darauf auch noch einer von seinem Neffen, und gerade einmal etwa 20 Minuten später konnte ich das Handy seinem zurückgekehrten Herrchen an der Haltestelle zurückgeben.

Es muß sich dabei um einen engen Verwandten von Rumpelstilzchen gehandelt haben, so ein Hutzelmännchen habe ich jedenfalls schon lange nicht mehr gesehen. Wie der mit seinen viel zu kurzen und viel zu dicken Wurstfingern die selbst für mich viel zu winzigen Tasten dieses Handys bedienen können soll, ist mir immer noch schleierhaft. Ebenso übrigens die Tatsache, wieso eigentlich alle Raucher Analphabeten zu sein scheinen, denn trotz des ausdrücklichen und absolut unübersehbaren Rauchverbotes wird an den meisten Straßenbahnhaltestellen gequarzt, was das Zeug hält.

Anschließend habe ich mich zum Mittagessen an den aufgetauten Resten der Lammhaxe versucht, welche meine Mutter irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr gekocht hatte, obwohl eigentlich niemand diesen Braten hatte haben wollen. Irgendwann reicht es ja auch mal mit der Völlerei! So war denn ziemlich viel liegengeblieben. Hatte dieses Fleisch unmittelbar nach dem Braten schon ganz fürchterlich zum Himmel gestunken, so war nach dem Auftauen und Aufwärmen der Geruch jetzt kaum noch zu ertragen. Mehr als die Hälfte dieses "Essens" habe ich schließlich weggeschmissen, weil ich mich einfach nur noch davor ekelte.

Nach dem Essen habe ich mich dann schnurstracks in die Badewanne begeben, um mich nach der ungefähr vierstündigen Winterwanderung wieder aufzuwärmen. Meine Mutter meinte mir wegen der Kälte und des Essens wiederholt einen Schnaps anempfehlen zu müssen, auf welchen ich aber so gar keine Lust hatte. Statt dessen habe ich mich damit begnügt, eine Stunde lang im warmen Wasser zu liegen. Anschließend gab es dann auch schon wieder Abendessen, erneut Reste, diesmal jedoch von der Weihnachtsgans. Dummerweise waren diese so ungeschickt aufgeteilt, daß das erste der beiden Pakete fast nur Knochen enthielt. Also mußten wir das zweite auch noch auftauen und warm machen, und das war dann für zwei Personen massiv zu viel.

Danach war ich so platt, daß ich sofort ins Bett gefallen und eingeschlafen bin und nicht einmal mehr mitbekommen habe, daß meine Liebste mich noch per Telefon zu erreichen versucht hatte (obwohl ich ihr ja eigentlich schon längst per SMS geschrieben hatte, daß ich sofort schlafen wollte). Nach 14 Stunden Schlaf war ich immer noch müde und bekam außerdem Kopfschmerzen, die den ganzen Sonntag über anhielten. Demzufolge bin ich den ganzen Tag über nicht mehr zu allzu vielen sinnvollen Tätigkeiten gekommen. Somit plätscherte also auch der letzte Tag dieses trübseligen Wochenendes einigermaßen langweilig vor sich hin.

Vier Stunden habe ich damit verbracht, einen Blog-Beitrag zu schreiben, aber als ich fast fertig damit war, kachelte Firefox ab, und der gesamte Text schien verloren. Obwohl die Blog-Software angeblich ständig zwischenspeichert, fand ich ihn auch nirgendwo mehr wieder. Glücklicherweise hatte ich erst kürzlich das äußerst nützliche Addon Lazarus Form Recovery für Firefox installiert. Lazarus merkt sich sämtliche Formular-Eingaben in einer eigenen kleinen Datenbank und hatte auf diese Weise tatsächlich vollautomatisch die Arbeit mehrerer Stunden für mich gerettet. Ich glaube, ich sollte den Autoren dieses Addons mal freiwillig etwas für dieses tolle Stück Software bezahlen!

Den Rest des Tages oder besser Abends habe ich damit verbracht, nach vielen Monaten, die sie mittlerweile bereits bei mir herumliegt, endlich einmal die CD "Pagan Folk" von Omnia anzuhören, die ebenso wie die beiden nachfolgenden CDs dieser Band bisher ein Opfer akuten Zeitmangels geworden waren. Schließlich hatte ich sie mir noch vor dem stressigen und extrem zeitraubenden Projekt bestellt, das mich den ganzen November und fast den ganzen Dezember über auf Trab gehalten hat. Das gleiche Schicksal teilt übrigens ein ganzer Stapel von Büchern, welcher seit Weihnachten noch einmal merklich angewachsen ist.

Nachdem ich mich erst kürzlich mühevoll durch das leider wenig empfehlenswerte Buch "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehrmann gequält hatte, in dem der Autor nichts Besseres zu tun hat, als über 300 Seiten lang längst verstorbene Geistesgrößen wie Alexander von Humboldt und Johann Carl Friedrich Gauß, die sich zu seinem Glück leider nicht mehr wehren können, in den Schmutz zu ziehen, versuche ich mich jetzt gerade am mittelalterlichen "Reisebericht" des Ritters (?) John Mandeville, dessen Reisen ihn angeblich ins Heilige Land und darüber hinaus ins ferne Asien, nach Indien und China geführt haben sollen.

Größtenteils fiktional und aus den Weltbeschreibungen anderer Autoren abgeschrieben, allerdings lebhaft und mit zahlreichen spannenden Anekdoten erzählt, war dieses Buch aus dem 14. Jahrhundert schon vor, aber erst recht nach der Erfindung des Buchdruckes einer der absoluten Bestseller des Mittelalters. Wenn ich mich erfolgreich durch die etwa 300 Seiten dieses Werkes hindurchgekämpft haben werde, warten noch mindestens 15 weitere ungelesene Bücher mit einem Gesamtumfang von - grob geschätzt - 4.000 bis 5.000 Seiten auf mich. Also noch mehr als genug Lesestoff für viele weitere einsame, trübselige, schlaflose Nächte...

Freitag, 1. Januar 2010, 18:20

Neues Jahr, altes Glück

Silvester (eigentlich neige ich ja immer noch dazu, diesen Tag mit "y" zu schreiben) bzw. Neujahr stellt für mich persönlich schon seit frühester Kindheit eines der wichtigsten Feste im Jahreskreis dar. Das hat natürlich zum einen etwas mit meiner pyromanischen Neigung zu tun, zum anderen stellt aber auch der Jahreswechsel die beste Gelegenheit dar, in Ruhe auf Vergangenes zurückzublicken, Dinge hinter sich zu lassen und Pläne für die Zukunft zu machen. Glücklicherweise wird Silvester durch die nahegelegenen Weihnachtsfeiertage weitestgehend von störendem Kommerz und Festtags-Trubel abgeschottet, so daß man hier tatsächlich einmal die Gelegenheit hat, abzuschalten, in Ruhe nachzudenken - und dann um Mitternacht mit großem Getöse weniger das neue Jahr zu begrüßen als vielmehr das alte Jahr ein für allemal zu verjagen. Jedenfalls war das bei mir bisher in den meisten Fällen so.

Natürlich gibt dieses Fest einem auch noch einmal eine gute Gelegenheit, mit netten Menschen zusammenzukommen (welche man sich an Silvester allerdings weit mehr als an Weihnachten selbst aussuchen darf) und eine entspannte Feier zu verleben, deren Rituale einem nicht durch irgendwelche gesellschaftlichen oder gar religiösen Normen vorgeschrieben sind. Seit der Jahrtausendwende, wenn nicht schon seit dem Abitur im Jahre 1993, waren mir allerdings die dafür in Frage kommenden, netten Menschen Zug um Zug ausgegangen. Alte Freunde sind verzogen, haben sich im Studentenwohnheim mit illegal verlegtem, bewußtseinsveränderndem Teppichkleber unfreiwillig den Verstand weggeballert, sind unter die Nazis gefallen (wofür man sich natürlich auch irgendwie den Verstand weggeballert haben muß) oder weiß der Kuckuck was.

Die letzten beiden Silvesterfeiern in größerer Runde mündeten jeweils in Ereignisse, an die ich äußerst ungern zurückdenke. Beiden folgte aus sehr unterschiedlichen Gründen innerhalb weniger Wochen das Ende meiner jeweiligen Beziehung. In beiden Fällen war es im Nachhinein betrachtet sicherlich besser so, wodurch sich die ganze Sache für mich aber in beiden Fällen natürlich nicht weniger schmerzhaft gestaltete. Sicher haben auch diese Ereignisse der beiden Jahreswenden 1996/97 und 2002/03 nicht gerade dazu beigetragen, mich zu einem kontaktfreudigeren und aufgeschlosseneren Menschen werden zu lassen. Und in das Remmidemmi sogenannter Silvester-Parties (auf denen man als Single ja doch nur in der Ecke stehen gelassen wird und sich frustriert ins neue Jahr hineinsäuft) habe ich mich danach natürlich erst recht nicht mehr gestürzt.

Wie der ganze Rest der Jahre wurde mit der Zeit auch Silvester für mich zu einem immer traurigeren und einsameren Fest, welches ich schließlich nur noch mit meiner Mutter verbrachte, allenfalls zuzüglich irgendwelcher nervtötender Nachbarn, denen man um Mitternacht am Teich im Park hinter dem Haus über den Weg lief und denen man lieber nicht über den Weg gelaufen wäre. Der Jahreswechsel 2007/2008 hatte in dieser Hinsicht bereits einen absoluten Tiefpunkt dargestellt, mußte ich doch das neue Jahr unfreiwillig mit Leuten begrüßen, die strunzendämlich sind, die ich überhaupt nicht leiden kann und die sich seit irgendeinem völlig bescheuerten Nachbarschafts-Sommerfest vor gefühlten 30 Millionen Jahren obendrein auch noch einbilden, mich duzen zu dürfen. Und diese unerwünschten Leute schauten mir dann auch noch bei meinem Feuerwerk zu und taten so, als ob sie dazugehören würden. Perlen vor die Säue!

Der Jahreswechsel 2008/2009 hatte es jedoch irgendwie geschafft, diesen Tiefpunkt in einigen Punkten noch zu unterbieten. Sicherheitshalber hatte ich mein Feuerwerkszeug dieses Mal gut unsichtbar in einem Rucksack verstaut, um bloß keine unerwünschten Zuschauer im Vorfeld darauf aufmerksam zu machen. Zwar liefen uns auch dieses Mal um Mitternacht wieder die selben hirnlosen Vollpfosten über den Weg (hey, eine unserer Nachbarinnen sammelt allen Ernstes Sand aus aller Welt in kleinen Fläschchen!), aber irgendwie gelang es mir, durch gezieltes Langweilen dafür zu sorgen, daß sich binnen einer halben Stunde alle unerwünschten Leute wieder verdrückt hatten, so daß ich das alte Jahr wenigstens in Ruhe mit einem ganz privaten Feuerwerk verjagen konnte, ohne dabei von irgendwelchen unerträglichen Dumpfbacken begafft zu werden.

Alles in allem war dieser Jahreswechsel in das Jahr 2009 jedoch eine ziemlich trostlose Veranstaltung gewesen. Meine Mutter meckerte die ganze Zeit nur, daß ihr kalt wäre, daß sie ja sowieso der Meinung wäre, daß ich lieber kein Geld für Feuerwerk ausgeben solle, und insgesamt ließ sie (wie üblich) jegliches Verständnis dafür vermissen, welche Bedeutung für mich die Feier des Jahreswechsels eigentlich hat. Statt dessen hackte sie seit Jahren höchstens den ganzen Silvesterabend lang auf mir herum, bis ich eines schönen Jahres irgendwann, anstatt zu feiern, bis 10 Minuten vor Mitternacht meine Einkommensteuervoranmeldung für Dezember vorbereitet und ausgefüllt habe. Solche Momente schreien manchmal einfach nur danach, sich mit Alkohol zuzuschütten, damit man möglichst nichts mehr von seiner Umgebung mitbekommt.

Am Neujahrstag des Jahres 2009 wachte ich nicht nur mit einem leichten Brummschädel, sondern auch mit dem festen Vorsatz auf, daß ich so einen trostlosen Silvesterabend nie wieder erleben wollte. Und so schleppte ich mich (eigentlich wider besseres Wissen und gegen jede Lebenserfahrung) irgendwann im Laufe des Neujahrstages wieder einmal auf eine Single-Seite im Internet, auf der ich seit über einem Jahrzehnt angemeldet war, die mir jedoch bis dato abgesehen von einer dramatisch gescheiterten Beziehung mit zwischenzeitlicher sechswöchiger Verlobung nur jede Menge Kontakte mit vollkommen gestörten, gescheiterten Existenzen eingebracht hatte, die ihre eigene, im Laufe der Zeit liebevoll gepflegte Beziehungsunfähigkeit als Vorwand dazu zu nutzen versuchten, andere Menschen nach Herzenslust verletzen zu dürfen.

Wie gewohnt strotzte diese Seite auch zu jenem Zeitpunkt wieder einmal von Profilen ohne jegliche Aussagekraft. Frei nach dem Motto: "Ich weiß nicht, was ich über mich schreiben soll - frag' mich einfach!" Und wenn man dann tatsächlich fragt, erhält man entweder überhaupt keine Antwort oder wird statt dessen nur wüst beschimpft, weil die betreffende Person eigentlich gar keinen Partner sucht, sondern lediglich jemanden, an dem sie ihren Weltschmerz auslassen kann. Kummer, Menschenhaß und Depressionen sind ansteckend - wenn man immer nur auf solche Leute trifft, droht man irgendwann selbst zu so etwas zu werden. Genau aus diesem Grund hatte ich mich eigentlich schon seit Monaten nicht mehr auf dieser Seite blicken lassen, und fast wäre ich gleich wieder gegangen.

Im letzten Moment blieb ich doch noch bei einem Profil hängen, das irgendwie anders war. Nicht nur, daß es mal eben ungefähr fünfhundert Mal so viel Text enthielt wie der traurige Durchschnitt (etwa: "Hallo!") aller anderen Personen, die sich an diesem Tage dort neu angemeldet hatten. Sondern es begann auch noch mit den folgenden Worten: "Damit das gleich mal klar gestellt wird: Es ist mir sehr, sehr wichtig, dass die Besucher dieses meines Accounts mein Profil nicht nur lesen, sondern auch inhaltlich verstehen. Ich schreibe die Dinge hier nicht umsonst hinein und erwarte, dass dann auch auf meine Angaben Rücksicht genommen wird." Nanu? Sollte es etwa außer mir noch jemanden auf diesem Planeten geben, der den heutzutage offenbar allgemein verpflichtenden Hang zur Oberflächlichkeit nicht verstanden hat?

Weiter unten im Text fand ich einen Satz, der vielleicht eine Erkärung dafür bieten konnte, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte - denn Ähnliches gelesen hat man auf solchen Seiten sicherlich schon das eine oder andere Mal, nur, daß in den allermeisten Fällen die betreffende Person dann anschließend ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermochte: "Ich hasse es, wenn sich Menschen total verstellen und dann sich wundern, dass sie falsch verstanden werden. Und es ist wichtig, dass ein Mensch so selbstbewusst ist, dass er sich verbal verteidigen kann."

Hoppla? Wohl kaum jemand würde auf ein Profil - sofern er dieses denn tatsächlich sorgfältig gelesen haben sollte - eingehen, wenn darin die Fähigkeit, sich gegen verbale Angriffe zu verteidigen, als Grundvoraussetzung für eine Kontaktaufnahme oder gar für eine zwischenmenschliche Beziehung mit der betreffenden Person aufgeführt wäre. Hier war ganz offensichtlich jemand genauso frustriert wie ich über diese ganze notorische Oberflächlichkeit, das hirnlose Gesabbel und Gebaggere und auch über den ständigen aufgesetzten (oder eingebildten?) Zwang, anderen Menschen unbedingt um jeden Preis gefallen zu müssen. Notfalls bis zur totalen Selbstverleugnung.

Seltsamerweise hat mich gerade die Aggressivität und auch gewisse Kratzbürstigkeit, die in diesem Profil zum Ausdruck kam, angeprochen, wohl, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt selbst gerade in einer ähnlichen Gemütslage befand wie die Verfasserin beim Schreiben dieser Zeilen und das Geschriebene insofern sehr gut nachvollziehen konnte. Und so habe ich ausgerechnet diese Person angeschrieben. Nicht irgendwelche Mädels mit tollen Fotos, aber ohne jede Aussagekraft. Nicht irgendwelche Damen mit netten, möglicherweise im Netz zusammengeklauten, jedenfalls ziemlich profillosen Texten, die einfach nur dazu dienen sollten, möglichst jedem zu gefallen. Sondern das einzige Profil mit echter Persönlichkeit.

Damals hätte ich nie geahnt, zu was dies alles führen würde. Und wenn jemand es mir gesagt hätte, wer weiß, vielleicht hätte ich mich darüber dermaßen erschrocken, daß ich mich gar nicht mehr getraut hätte, überhaupt einen Satz zu schreiben, aus Angst, das Falsche zu sagen und damit alles zunichte zu machen. So aber konnte ich völlig unverkrampft an die Sache herangehen, da ich ja gar nichts zu verlieren hatte - und genau deshalb habe ich am Ende alles gewonnen. Heute an Neujahr vor einem Jahr haben wir uns kennengelernt (wenngleich der persönliche Kontakt danach noch einige Zeit auf sich warten ließ), und ich möchte meiner Partnerin hiermit ganz offen und für alle hörbar entgegenrufen: Ich liebe Dich!

Unter diesen veränderten Bedingungen sollte Silvester 2009 so anders werden als die ganzen letzten Jahre zuvor! Zwar gab sich meine Mutter alle Mühe, herumzumuffeln und schlechte Laune zu verbreiten. Nichts, was man ihr vorgeschlagen hat, wollte sie für sich annehmen. Statt dessen stellte sie sich lieber demonstrativ als armes, verkanntes und alleingelassenes Mütterchen dar, das allein zu Hause bleiben müsse - obwohl wir ihr mehrfach angeboten hatten, mitzukommen und mit uns zu feiern, damit sie genau dies eben nicht gemußt hätte. Aber sie hat mittlerweile eine gewisse Meisterschaft darin entwickelt, sich selbst mit aller Gewalt jeden Spaß und jede Freude zu versauen und dann andere für ihr Elend verantwortlich zu machen.

Statt (wie meine Mutter es wohl lieber gesehen hätte) wieder einmal nur an den Teich im Park hinter dem Haus zu gehen und dort mit dummen und langweiligen Leuten einen dummen und langweiligen Jahreswechsel zu verbringen, bin ich mit meiner Liebsten dorthin gegangen, von wo aus ich das allererste Mal mit ihr telefoniert hatte: An den Nordhang des Teutoburger Waldes, hoch über dem Oetkerpark, wo man von einem Fußweg oberhalb der diversen Kleingartenanlagen einen tollen Ausblick über die ganze Innenstadt und den gesamten alten Bielefelder Westen hat. Einige Zeit danach waren wir bei einem ihrer ersten Besuche in Bielefeld hier entlanggewandert, und ganz in der Nähe hatten wir uns erstmals gegenseitig unsere Liebe eingestanden.

Meine Mutter hat uns zwar eine halbe Stunde vor Mitternacht dort hochgefahren, aber offensichtlich nur, um hinterher noch besser darüber meckern zu können, daß sie doch immer alles für uns tun müsse und wir sie im Gegenzug ach so schlecht behandeln und sie alleine zu Hause sitzen lassen würden. Dabei hatten wir vorher stundenlang auf sie eingeredet, um sie doch noch zum Mitkommen zu bewegen, aber sie wollte ja nicht. Außerdem hatten wir ihr mehrfach angeboten, anschließend zu Fuß zurückzukommen, damit sie zum Jahreswechsel auch ein Gläschen Sekt oder Wein trinken könnte. Was sie jedoch nicht daran gehindert hat, uns hinterher, als wir tatsächlich zu Fuß nach Hause kamen, massive Vorhaltungen darüber zu machen, daß sie angeblich wegen uns nichts habe trinken können.

Dieses Mal hatten wir uns aber vorgenommen, uns (im Gegensatz beispielsweise zu den nicht unbedingt erquicklichen Vorkommnissen an Heiligabend) von ihrem deprimierenden Altersstarrsinn nicht die gute Laune verderben zu lassen. Kurz vor Mitternacht, während unten in der Stadt ungeduldige Mitbürger bereits tausende von Raketen und Fontänen in den etwas nebeligen Nachthimmel steigen ließen, trafen wir in unserem Zielgebiet ein und suchten uns ein schönes Plätzchen mit guter Aussicht über die Stadt. Einige andere Leute hatten die gleiche Idee gehabt, außerdem nervten ein paar blöde Taxifahrer, die ausgerechnet um Mitternacht hierher fahren und sich in der Einfahrt zur Kneipe der Kleingartenkolonie festfahren mußten. Aber alles in allem stellte es sich als eine richtig gute Entscheidung heraus, hier oben den Jahreswechsel zu verbringen.

So stießen wir dann um Mitternacht mit Wikingerblut aus uralten Zinnbechern (vor deren Verwendung meine Mutter uns natürlich vorher eindringlich gewarnt hatte) auf den Jahreswechsel an und genossen die herrliche Aussicht auf ein grandioses Feuerwerk, wie ich es in dieser Form noch nicht gesehen hatte - vermutlich, weil wir Silvester jahrzehntelang immer nur im eigenen Garten bzw. nach dem Umzug von 1993 am Teich im Park hinter dem Haus gehockt hatten, wo man gelinde gesagt nicht allzu viel von der Welt mitbekommt. Wildfremde Menschen wünschten uns ein frohes neues Jahr, ohne daraus gleich ableiten zu wollen, uns (wie sonst unsere Nachbarn) nach Herzenslust auf den Sack gehen zu dürfen. Und auch unser eigenes, privates Feuerwerk kam hier oben später noch sehr schön zur Geltung.

Und so endete mit dieser schönen kleinen Feier (man könnte es fast eher "Zeremonie" nennen) ein außergewöhnliches Jahr - außergewöhnlich vor allem deshalb, weil man es diesmal nicht verjagen mußte. Schließlich hatte es uns beiden doch ein noch beim letzten Jahreswechsel völlig unvermutetes Glück gebracht. Aber auch in Bezug auf das neue Jahr war dieser Jahreswechsel anders, konnte ich es doch zum ersten Mal seit langer Zeit weniger mit Angst (vor noch mehr Trostlosigkeit) als vielmehr mit großer Vorfreude auf die Erlebnisse begrüßen, die es uns beiden gemeinsam noch bringen mag. Dieses Mal bedarf der Jahreswechsel auch keiner hochfliegenden Vorsätze bezüglich dessen, was im neuen Jahr alles besser werden soll. Ich wünsche mir vom neuen Jahr eigentlich nur eines: Das gleiche Glück wie im alten Jahr.

Freitag, 25. Dezember 2009, 19:05

Stille Nacht, Heilige Nacht

Weihnachten ist ja angeblich das Fest der Besinnlichkeit, doch leider war in diesem Jahr erst sehr spät irgendetwas davon zu spüren. Bis zum 23. Dezember hatte ich in meinem auslaufenden Projekt noch reichlich zu tun. Nachdem ich dann gegen 17 Uhr endlich Feierabend hatte (außer der Putzfrau hatte sich der gesamte Rest der Firma längst in den Winterurlaub verabschiedet), habe ich meine Liebste am S-Bahnhof der Universität Dortmund abgeholt. Aufgrund zahlreicher Staus vor allem auf der Autobahn 2 mußten wir ungefähr die Hälfte der Strecke bis Bielefeld über Landstraßen fahren, was allerdings annähernd ebenso nervig war, wie im Stau zu stehen, weil die Heerscharen von Feierabendfahrern selbst auf freiester Strecke einfach nicht aus dem Quark kamen.

So gegen halb Acht kamen wir schließlich einigermaßen entnervt in Bielefeld an. Nach dem Abendessen hatten wir wohl verständlicherweise nicht mehr allzu viel Nerven dazu, noch unsere Koffer auszupacken, so daß alles stehen und liegen blieb und wir ziemlich kaputt ins Bett fielen. Allzu lange ausschlafen konnten wir an Heiligabend allerdings nicht, weil wir noch einige Einkäufe erledigen und vor allem noch einen Weihnachtsbaum besorgen mußten. Um wenigstens ein Bißchen an die frische Luft zu kommen, haben wir anschließend noch einen kleinen Abstecher zu meinem Geocache GCXWBT Franziskaner unternommen, der nach dem Ende der Ausgrabungen an der Klosterruine wieder an seinen ursprünglichen Platz verlegt werden konnte.


Vor dem Schmücken des Weihnachtsbaumes haben wir anschließend erst einmal meine Einliegerwohnung aufgeräumt. Zum einen hatte ich mein ganzes Gepäck wieder dabei, mit dem ich während des anderthalbmonatigen Projekteinsatzes die Wohnung meiner Liebsten komplett vollgestellt hatte und das jetzt wieder aus den Koffern in die dafür vorgesehenen Schränke oder zumindest in die Waschmaschine wollte. Außerdem mußte sich meine Liebste mit den für den kurzen Weihnachtsurlaub mitgebrachten Klamotten irgendwie bei mir einrichten, und obendrein standen mein Tisch, mein Schreibtisch und die ganze Küche mit allem möglichem Kram voll, der in den letzten Monaten auch wegen des Projekteinsatzes liegengeblieben war. Schließlich wollte ich Weihnachten nicht in einer zugestellten Wohnung mit dem Flair einer Müllhalde verbringen.

Leider hatte meine liebe Mutter dafür nicht gerade allzu viel Verständnis. Den halben Nachmittag fing sie an, in ihrer unnachahmlichen Art zu hetzen und herumzunerven. Ständig fragte sie, ob ich den Weihnachtsbaum denn dieses Jahr gar nicht schmücken wolle, ob ich den Weihnachtsbaum erst am ersten Feiertag schmücken wolle, ob ich gar kein Weihnachten feiern wolle, ob ich den Weihnachtsbaum denn dieses Jahr gar nicht schmücken wolle, ob ich den Weihnachtsbaum erst am ersten Feiertag schmücken wolle, ob ich gar kein Weihnachten feiern wolle, ob ich den Weihnachtsbaum denn dieses Jahr gar nicht schmücken wolle, ob ich den Weihnachtsbaum erst am ersten Feiertag schmücken wolle, ob ich gar kein Weihnachten feiern wolle, ungefähr so häufig und in dieser Reihenfolge.

Nachdem sie mich schließlich mehrere Male für bescheuert erklärt, mir vorgehalten hatte, daß ich angeblich zu überhaupt keiner Zeitplanung in der Lage sei (wie immer, wenn meine eigene Zeitplanung nicht exakt der ihren entspricht) und mich mit allen diesen kleinen Nettigkeiten ständig aus dem Konzept gebracht und obendrein auch noch ziemlich lange aufgehalten hatte, kam ich dann endlich dazu, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Es wäre sehr schön gewesen, wenn ich vorher erst noch in Ruhe einen Tee trinken, ein paar Kekse essen und statt des blöde herumquäkenden Fernsehers etwas schöne Musik von einer CD hätte anstellen können, aber selbst dieses kleine Maß an Ruhe und Besinnlichkeit war mir leider nicht vergönnt.

Statt dessen mußte ich im Turbo-Tempo den Weihnachtsbaum schmücken, wobei mir meine Mutter ständig überhastet irgendwelche Kerzen, Kugeln oder Strohsterne in die Hand zu drücken versuchte, obwohl ich längst noch beide Hände voll mit anderen Dingen hatte. Dadurch schaffte sie es, die ganze Aktion eher noch hinauszuzögern als zu beschleunigen, und erzeugte jede Menge völlig unnötigen Streß. Gleichzeitig hackte sie weiterhin auf mir herum und provozierte mich ständig, so daß ich am Ende fast explodiert wäre und meine Liebste es vorzog, sich nach nebenan zurückzuziehen. Der Höhepunkt war, daß ich mir dann auch noch anhören mußte, wieso ich denn meinen Tee gar nicht trinken würde, der würde doch kalt. Kein Wunder, wenn sie mich gar nicht zum Trinken kommen läßt!


Die Weihnachtsstimmung war mir zu diesem Zeitpunkt jedenfalls schon mal gründlich verhagelt. Zum Glück hat meine Mutter es irgendwann doch noch geschafft, sich für den Rest des Abends zusammenzunehmen, ansonsten wäre es wohl irgendwann noch zu handfesten Auseinandersetzungen gekommen. Es ist traurig, mit ansehen zu müssen, wie sich bei ihr der zunehmende Altersstarrsinn in Form von ständiger Besserwisserei und mittlerweile auch immer häufiger von beleidigenden Äußerungen mir gegenüber auszuwirken beginnt. Offenbar kommt sie immer schwerer mit der Vorstellung klar, daß ich mein eigenes Leben zu meistern vermag, und muß mir daher ständig angebliche Unfähigkeit dazu unterstellen, um ihr schwindendes Weltbild aufrecht zu erhalten.

Ein wenig absurd wirkte in diesem Zusammenhang, daß sich ausgerechnet in diesem Jahr bei uns die Weihnachtsgeschenke in einem Maße häuften, das wir schon seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr gekannt hatten. So als ob die Menge der Geschenke sich direkt antiproportional zur ansonsten gezeigten Zuneigung verhalten würde. Natürlich war in diesem Jahr meine Liebste zum ersten Mal bei uns mit dabei, und natürlich hatte sie auch noch diverse Geschenke mitgebracht, die sie von ihren Eltern und Großeltern mit der Post zugeschickt bekommen hatte bzw. die wir schon bei unserem Besuch in der Lausitz von ihrer besten Freundin mitbekommen hatten, der wir im Gegenzug als Weihnachtsgeschenk (jetzt darf man es ja verraten) eine in hübsches japanisierendes Blümchenpapier verpackte Schlagbohrmaschine dagelassen hatten.

So dauerte denn die Bescherung dieses Jahr also ungewöhnlich lange. Zuvor und währenddessen stießen wir anstelle des in früheren Jahren üblichen Sektes, den bei uns sowieso niemand so richtig verträgt, mit Johannisbeerwein aus einer Anderthalb-Liter-Rundkolbenflasche an, die wir im Frühjahr von den Ritterspielen in Freienfels mitgebracht hatten. Der Abend wurde ziemlich lang, und die Flasche war am Ende halbleer, bevor sie zum Essen (es gab den bei uns schon traditionell üblichen Räucher-Aal) durch einen trockenen Weißwein ersetzt wurde. Ehrlich gesagt verstehe ich die Leute nicht, die sich ausgerechnet an einem solchen Hochfest des Jahres ein derart banales Allerwelts-Essen wie Würstchen und Kartoffelsalat hinter die Kiemen stopfen. Aber jedem das Seine...

Was es als Geschenke gab, möchtet Ihr wissen? Also gut, der Vollständigkeit halber zähle ich hier ein paar Dinge auf, wobei ich aber unter anderem den ganzen Süßkram weglasse, mit dem sich alle Beteiligten gegenseitig zu Tode zu mästen versuchten. Meine Mutter bekam von mir vier Bücher und ein Heft mit 100 Sudokus, weil das Lesen und das Rätseln seit längerem ihre einzige verbliebene Freizeitbeschäftigung zu sein scheinen. Von meiner Liebsten erhielt sie u. a. eine schicke Weihnachts-Dekodecke für den Wohnzimmertisch sowie eine Schale zum Verdunsten von Duftölen mit mehreren austauschbaren, bunten Teelichtgläsern, die es dieses Jahr praktisch überall auf den Weihnachtsmärkten zu kaufen gab.

Da meine Mutter wie üblich das ganze Jahr über sämtliche Winke mit Zaunpfählen zum Thema "mögliche Weihnachtsgeschänke" konsequent ignoriert hatte, beschränkte sich die Bandbreite ihrer eigenen Kreativität im Wesentlichen auf zwei neue Schlafanzüge, bei denen ich mir noch nicht einmal so ganz sicher bin, ob sie mir nicht zwei Nummern zu groß sind. Immerhin habe ich seit dem letzten Weihnachtsfest ja etwas abgenommen. Außerdem erhielt ich noch diverse Dinge, die ich kürzlich in einem Humanitas-Katalog angekreuzt hatte. Neben einigen Büchern sind dabei vor allem ein Mini-Taschenmesser aus dem Hause Laguiole (das ich eigentlich eher als ein mögliches Geschenk für meine Liebste angekreuzt hatte) und ein Ornithopter, ein künstlicher Vogel als Spielzeug nach einem ursprünglichen Entwurf von Leonardo da Vinci (allerdings heute "zeitgemäß" aus Plastik), erwähnenswert.

Von meiner Liebsten erhielt ich unter anderem einen Doppel-CD-und-Doppel-DVD-Pack von Schandmaul ("Sinnfonie"), die wir im August live beim Fährmannsfest in Hannover erlebt hatten. Außerdem darf ich jetzt eine wunderschöne Räucherschale (vermutlich aus Speckstein) mein Eigen nennen, sowie zwei Kerzenständer, die farblich perfekt zu einer kleinen, steinernen Vase passen, die sie mir bereits im Sommer geschenkt hat, aber aus einer vollkommen anderen Quelle stammen dürften. Von ihrer besten Freundin erhielt ich ein handgeschnitztes Holzkästchen mit einem gotischen Muster im durchbrochenen und danach mit Leder ausgeschlagenen Deckel (nach dem Vorbild einer Fenster-Rosette aus irgendeiner gotischen Kathedrale). Also thematisch genau zu der Zeit passend, die wir darstellen, wenn wir auf Veranstaltungen ins Mittelalter "abtauchen".


Groß waren die Augen, als meine Liebste gewahr wurde, daß ich ihr antiquarisch alle sechs Bände der Buchreihe "Der Zauberer der Smaragdenstadt" von Alexander Wolkow in der alten Auflage (vor 2005) besorgt hatte. Im Herbst dieses Jahres war ich an der gleichen Aufgabe schon einmal gescheitert, da sowohl Amazon als auch Buch.de zwar die alten Ausgaben in ihren Online-Katalogen gelistet hatten, statt dessen jedoch die neuen, total verhunzten Übersetzungen lieferten und daraufhin alle sechs Bände von mir postwendend zurückbekamen. Es war ein ziemlicher Aufstand, die tatsächlichen Originalbände aus diversen Antiquariaten in ganz Deutschland zusammenzusuchen, aber letzten Endes hat es sich doch gelohnt, allein für diesen einen Augenblick und für die Gewißheit, einem geliebten Menschen eine große Freude zu machen.

Natürlich war dieses Geschenk nicht so groß und so modern wie der LCD-Flachmonitor, den sie von meiner Mutter (na ja, nicht ganz ohne meine Mithilfe...) bekommen hat. Und der wurde natürlich auch weitaus dringender benötigt, hatte doch der vorsintflutliche Röhrenmonitor (der mit den flackernden grünen Schrägstreifen auf dem Bildschirm) im Laufe des Jahres seinen Geist aufgegeben und seitdem ein noch älteres und kleineres Modell, das ein Bekannter übrig gehabt hatte, seinen Platz eingenommen. Nicht gerade augenschonend, wenn ihr mich fragt, und außerdem war dieses uralte Schätzchen auch schon halb hinüber. Jetzt darf ich irgendwann wohl mal wieder Monitore schleppen, denn beide alten Geräte sind sicherlich nur noch ein Fall für den Schrotthaufen.

Nicht einfach nur abgerundet, sondern noch einmal getoppt wurde die Bescherung von dem (gleichzeitig Weihnachts- und sehr verspäteten Geburtstags-) Geschenk, das meine Liebste von ihrer besten Freundin bekam. Wir hatten vor ein paar Monaten bei der Reste-Truhe in Bielefeld die passenden Stoffe für ein vollständiges Mittelalter-Outfit aus Unterkleid, Bliaut und Tasselmantel ausgesucht und zur Bearbeitung zu ihrer Freundin in die Lausitz geschickt. Schon seit diese uns bei unserem Besuch Ende November ein großes, verschlossenes Paket mitgegeben hatte, in welchem sich übrigens auch meine geschnitzte Holzkiste befand, waren wir äußerst gespannt darauf, was am Ende wohl dabei herausgekommen sein mochte.

Und wir wurden alles andere als enttäuscht! Die Gewandung ist absolut toll geworden. Leider sind die bei der ersten Anprobe aufgenommenen Fotos nichts geworden, weil auf den im spärlichen Wohnzimmerlicht gemachten Aufnahmen der eigentlich grüne Bliaut genauso braun aussieht wie der wollene Mantel, während meine Liebste auf den mit Blitz aufgenommenen Fotos so bleich aussieht wie ein Schloßgespenst. Aber ich bin mir sicher, daß im Laufe des Jahres noch die eine oder andere Gelegenheit kommen wird, bei der sich das eine oder andere präsentable Foto machen läßt. Spätestens, wenn wir im Frühjahr und Sommer wieder die Mittelalter-Märkte unsicher machen.

So endete dann ein hektischer und stressiger Tag doch noch einigermaßen beschaulich, wenngleich es die eigentliche Weihnachtsstimmung bis zuletzt doch ziemlich schwer hatte, sich gegen die übermächtige Realität durchzusetzen. Hoffen wir einmal, daß die weiteren Feiertage und Silvester ebenfalls friedlich und ohne weitere Streitereien und Provokationen ablaufen. Allzu optimistisch bin ich in dieser Hinsicht zwar nicht, weil sich meine Mutter dafür länger zusammenreißen müßte, als sie es von den bisher doch meist eher kürzeren Besuchen meiner Liebsten gewöhnt ist (denn wenn nur ich allein hier bin, tut sie den Teufel, sich mir gegenüber in irgendeiner Weise zusammenzureißen).

Aber wenigstens haben wir beide dieser Tage wohl die eine oder andere ruhige, stille Nacht, die wir miteinander verbringen können, ohne von irgendwelchen Bauarbeitern um 7 Uhr morgens mit schwerem Gerät aus dem Schlaf gerissen und teils buchstäblich aus dem Bett geschüttelt zu werden. Und auch meine Mutter respektiert wenigstens dann, wenn ich Besuch habe, meine Privatsphäre und kommt nicht dauernd ungefragt bei mir hereingestürmt, wie sie es sonst oft tut, als ob ich noch ein kleines Kind wäre, das es zu gängeln und zu beaufsichtigen gilt. Freuen wir uns also auf ein paar stille Nächte - ob irgendeine davon allerdings heilig sein wird, wage ich ehrlich gesagt zu bezweifeln...

Freitag, 18. Dezember 2009, 22:15

Ein Hoch auf die "lieben" Kollegen!

Menschlichkeit ist heutzutage anscheinend nicht mehr allzu weit verbreitet. Auch und gerade unter Arbeitskollegen nicht. Diese Erkenntnis ist natürlich nichts bahnbrechend Neues, aber im Laufe der letzten Wochen durfte ich dieses leidige Phänomen wieder einmal sehr beispielhaft erleben. Ganz besonders die guten Manieren vergessen darf man offensichtlich gegenüber externen Mitarbeitern, denn die sind ja bekanntlich keine richtigen Menschen. Selbst wenn man sie sich für ziemlich teures Geld ins Haus holt und sie doppelt so viel zum Projekterfolg beitragen wie der durchschnittliche Festangestellte. Da können noch so viele hehre Firmenrichtlinien zum zwischenmenschlichen Umgang in der Teeküche an der Wand hängen. Gelebt werden sie alle nicht, erst recht nicht, wenn die Firmenleitung es nicht vormacht.

Seit Anfang November bin ich nun als externer Mitarbeiter bei einer Firma in Dortmund tätig. Zuerst war davon die Rede, daß man mich bis weit ins kommende Jahr 2010 weiter beschäftigen wolle. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, daß die Auftragslage wohl dafür nicht reicht, so daß ich zu Weihnachten meinen Schreibtisch wieder räumen muß. Nun ja, so etwas kann natürlich immer einmal passieren, damit muß man als Freiberufler in dieser Branche rechnen, und dieses reine Faktum kann, will und werde ich hier auch niemandem negativ ankreiden. Auch wenn man sich das Ganze durchaus etwas früher hätte überlegen können.

Was mich aber einigermaßen wütend macht, ist der Umgang, der mit Externen in dieser Firma gepflegt wird. So bin ich beispielsweise von Anfang an zu keiner Veranstaltung dieser Firma mit eingeladen worden, weder zur allgemeinen Weihnachtsfeier noch zum Abteilungs-Frühstück vor Weihnachten, ja nicht einmal zum Weihnachtsmarkt-Besuch der Abteilung mit gemeinsamem Glühweintrinken, obwohl zumindest dabei sicherlich jeder selbst bezahlt hat und meine Teilnahme ganz bestimmt keine finanzielle Belastung für die Firma dargestellt hätte. Ein näheres Kennenlernen untereinander war also ganz offensichtlich unerwünscht.

Jemand, der sich damit auskennt, sagte mir, daß dies im Fall von Zeitarbeitskräften bzw. Leiharbeitern bei einigen Firmen durchaus gang und gäbe sei. Das mag durchaus so sein, obwohl ich es auch in diesen Fällen für unangebracht halten würde. Aber zum Einen bin ich keine Zeitarbeitskraft und kein Leiharbeiter, und zum Anderen ist es gerade in Bereichen, in denen man hochqualifizierte externe Fachkräfte benötigt und sie sich für gutes Geld zur Unterstützung ins Haus holt, normalerweise nicht üblich, diese dann als Mitarbeiter zweiter Klasse zu behandeln.

Während meines letzten Projektes bei einem großen deutschen Automobilhersteller war es jedenfalls selbstverständlich, daß auch alle externen Arbeitskräfte zu jeder Feier und Veranstaltung mit eingeladen wurden. Aufgrund der vielfältigen Struktur der Abteilungen waren das so viele Termine, daß man sich am Ende sogar gezwungen sah, den einen oder anderen abzusagen. Und dabei sollte man doch eigentlich meinen, daß in einem solchen Großunternehmen insgesamt eine viel unpersönlichere Atmosphäre herrscht als in einem kleinen Software-Haus wie dem, in dem ich jetzt gerade tätig bin.

Wenn es umgekehrt wenigstens eine Gleichbehandlung für alle nicht festangestellten Mitarbeiter gäbe, könnte ich das ja vielleicht noch verstehen. Aber bei dieser Firma werden beispielsweise Studenten, ganz gleich, wie häufig sie überhaupt erscheinen, durchaus mit eingeladen. Nicht eingeladen hingegen waren außer mir eigentlich nur die Putzfrauen. Aber denen wird in dieser Firma sowieso mit herzlich wenig Respekt begegnet. Man versucht sie bestenfalls zu ignorieren, und eine von ihnen war neulich sehr überrascht, daß man mit mir im Gegensatz zu den festangestellten Mitarbeitern tatsächlich reden konnte und nicht wie Luft behandelt wurde.

Wie Luft habe ich mich hier persönlich des Öfteren gefühlt. Es sind die scheinbar kleinen Dinge, die einem in der Summe das Gefühl geben, nicht dazuzugehören und - rein menschlich gesehen - mehr als überflüssig zu sein. Erst nach einigen Tagen kam mal jemand auf die Idee, mich zu fragen, ob ich zum Mittagessen mit in die Kantine des Technologieparks mitkommen wolle, bzw. mir überhaupt von dieser Möglichkeit zu erzählen. Mehrere Male "vergaßen" mich die Kollegen, obwohl ich vorher ausdrücklich gesagt hatte, daß ich mitkommen wollte. Auf jeden anderen wurde vor dem Essengehen gewartet, wie lange auch immer er auf sich warten ließ. Nur wenn ich eben noch mal fix auf die Toilette wollte, konnte ich damit rechnen, den lieben Kollegen zur Kantine hinterherrennen zu dürfen. (Denn wenn man dort als Letzter fertig wurde, drängelten sie wiederum und bewiesen nicht für fünf Cent Geduld.)

Nach immerhin 6 Wochen habe ich jetzt übrigens auch (natürlich nur durch puren Zufall) herausgefunden, daß man hier als Mitarbeiter Mineralwasser umsonst bekommt. Sagt einem ja keiner! Einen Schlüssel für die Eingangstür habe ich ohnehin nicht erhalten, so daß ich immer warten mußte, bis der nächste feste Mitarbeiter nach mir eintraf. Denn im Denken der Festangestellten gibt es hier offenbar keinen Platz dafür, daß jemand keinen Schlüssel haben könnte. Und so öffnet einem auch niemand die Tür, wenn man schellt. Gelegentlich hängen mich hier auch die Festangestellten auf dem Weg aus dem Parkhaus schnellen Schrittes ab und lassen die Tür hinter sich zufallen, obwohl sie mich bereits gesehen haben und genau wissen, daß ich keinen Schlüssel habe.

Dieses ganze Verhalten muß alles noch nicht einmal Absicht sein - dagegen könnte man vielleicht noch administrativ vorgehen, indem man sich an irgendwelche Vorgesetzten wendet. Ich glaube vielmehr, es handelt sich dabei um die selbe Gleichgültigkeit, die heute die meisten Menschen an den Tag legen, wenn es um andere Menschen geht. Es interessiert einfach keinen mehr, was anderen Leuten widerfährt, zumindest solange es sich nicht um Personen handelt, auf die man dauerhaft angewiesen ist oder vor denen man sich schon von Amts wegen in Acht nehmen muß, beispielsweise, weil es sich um den eigenen Chef oder Abteilungsleiter handelt. Die hat hier jedenfalls noch niemand ausgesperrt.

Ein ganz besonders dreistes Beispiel für Mißachtung und Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer durfte ich heute Vormittag erfahren. Nur durch einen dummen Zufall erhielt ich gestern eine Antwort auf eine Antwort auf eine Antwort auf eine Einladung zum Team-Frühstück, das heute stattfinden sollte. Da ich aber zum Einen mittlerweile auch keine große Lust mehr verspürte, drei Tage vor meinem Abgang hier plötzlich noch einen auf "soziale Kontakte" zu machen (das hätte man sich vielleicht mal überlegen sollen, als ich hier angefangen habe!), und außerdem bis Weihnachten noch reichlich zu tun habe (ich sitze hier ohnehin schon als einziger Mitarbeiter jeden Tag mindestens 10 Stunden lang am Rechner), habe ich diesen eigentlich sowieso nicht an mich gerichteten Termin sicherheitshalber lieber abgesagt.

Irgendwann kam dann der Abteilungsleiter herein und teilte meinem (davon ebenfalls ziemlich entgeisterten) Projektleiter und mir mit, daß man das Weihnachts-Frühstück in unserem Büro abzuhalten gedenke, weil dieses der größte Raum auf der Etage sei - ob wir nun wollten oder nicht. Da der Abteilungsleiter bereits gegenüber den Protesten des Projektleiters ziemlich unwirsch den Vorgesetzten heraushängen ließ, wagte ich es gar nicht erst, ebenfalls zu protestieren, und stellte mich zähneknirschend darauf ein, meine Arbeit bei nervigem Weihnachtsmusik-Gedudel und mit zwei Dutzend mampfenden und quasselnden Kollegen im Büro weiterführen zu müssen.

Schließlich brüllt hier immerhin auch sonst schon der Projektleiter ständig stundenlang jemanden lautstark am Telefon an, so daß man sich kaum einmal richtig auf die Arbeit konzentrieren kann. Und immerhin hatte sich nun ebendieser Projektleiter mit ziemlich angefressener Miene in ein anderes Büro zurückgezogen, um statt dessen eben von dort aus jemanden stundenlang am Telefon anzubrüllen (in dessen Haut ich angesichts der Laune des Projektleiters speziell heute nun wirklich nicht hätte stecken mögen). So war zumindest dieser eine Störfaktor ausnahmsweise einmal ausgeschlossen, obwohl das durch die ganzen Kollegen und den lautstarken Stille-Nacht-Heilige-Nacht-Terror natürlich mehr als aufgewogen wurde.

Eine Zeit lang ging mein Vorhaben, trotzdem noch weiterzuarbeiten, wider Erwarten gut. Aber dann raunzte mich der Abteilungsleiter an, ich wolle jetzt hier doch etwa nicht arbeiten, damit würde ich nur den anderen die Feierlaune verderben. Ich erwiderte, es täte mir ja leid, daß ich versuchen müßte, zu arbeiten, um die mir gestellten Aufgaben noch vor meinem Abgang aus dem Unternehmen fertig zu bekommen. Zunächst schien es damit getan zu sein, und ich konnte noch etwas weiterarbeiten. Aber dann meinte er ziemlich barsch: "Das war jetzt übrigens ernst gemeint."

Also mußte ich meinen Platz räumen - der übrigens im Verlaufe der darauf folgenden zwei Stunden von den lieben Kollegen großflächig mit Kaffeeflecken überzogen wurde, aber natürlich dachte niemand auch nur im Traum daran, diese selbst wegzuwischen. In der Zwischenzeit lief ich relativ planlos durch das Haus und fragte mich, ob ich die auf diese Weise verlorene Zeit denn wenigstens bezahlt bekomme - denn schließlich werde ich nach den von mir geleisteten Stunden entlohnt. In Rechnung gestellt habe ich sie jedenfalls. Denn ich sehe ja gar nicht ein, warum ich es zu vertreten haben sollte, wenn man mich vorsätzlich bei meiner Arbeit behindert!

Immerhin gelang es mir während dieser ansonsten ziemlich vertanen Zeit, eine Lösung für unsere massiven Datenbankprobleme der letzten Wochen zu finden: Es stellte sich nämlich heraus, daß zwar alle immer lautstark lamentiert hatten, aber niemand einen so simplen Schritt wie einen Neustart des Servers in Erwägung gezogen hatte. Nicht, daß ich nicht bereits längst darauf hingewiesen gehabt hätte (ich selber darf das ja nicht machen) - aber auch in dieser Hinsicht hat einfach niemand auf mich gehört. Übrigens auch heute nicht, jedenfalls ist bislang immer noch kein Neustart erfolgt, weshalb auch alle anderen Kollegen mit ihrer Arbeit nicht wirklich vorankommen. Ein weiterer typischer Fall dieser unseligen Gleichgültigkeit.

Montag, 30. November 2009, 21:00

Die volle Familien-Dröhnung

Die vergangenen vier Tage stellten für mich den Höhepunkt und krönenden Abschluß eines alles in allem sehr anstrengenden Monats da. Nachdem ich Anfang November ein neues Projekt bei einem Softwarehaus in Dortmund begonnen hatte, welches mich unter der Woche fast täglich 10 Stunden lang forderte, stand das Monatsende im Zeichen eines gänzlich anderen Ereignisses von deutlich privaterer Natur. Die Mutter meiner Liebsten, also (wenn nichts mehr schiefgeht) meine zukünftige Schwiegermutter, feierte am 26. November ihren 50. Geburtstag. Wobei diese Aussage so eigentlich bereits nicht ganz korrekt ist, denn gefeiert wurde praktisch durchgängig vom 26. bis zum 29. November. Und meine Liebste und ich waren für das ganze Programm in die Lausitz eingeladen.

Damit aber noch nicht genug: Da ich die Familie meiner Liebsten zuvor noch nicht kennengelernt hatte, stellte diese Einladung gleichzeitig auch meinen Antrittsbesuch bei ihren Eltern dar. Glücklicherweise sollte dies - der ursprünglichen Zeitplanung zufolge - wenigstens quasi in Raten erfolgen. Am Donnerstag (nach der etwa siebenstündigen Anreise mit diversen Staus) hätte uns eigentlich nur die Mutter selbst vor Ort erwarten sollen, während der Vater noch unterwegs gewesen wäre, um seine Eltern abzuholen, und mit ihnen am Freitag auf der Bildfläche erschienen wäre. Und erst am Samstag hätte ich dann den gesamten Rest der Familie kennenlernen sollen. Soweit, wie gesagt, der Plan.

Endlich in der Lausitz angekommen, stellte sich die Situation jedoch vollkommen anders dar. In trauter Runde erwarteten uns im Wohnzimmer der Familie nicht nur die Eltern meiner Liebsten, sondern auch noch alle vier Großeltern, ein Onkel und obendrein auch noch die Familienkatze, übrigens der wohl größte Kater, den ich jemals gesehen habe. Zum Glück hat mich wenigstens dieser vollkommen ignoriert, aber auch sonst hatte ich alle Hände voll zu tun, jegliche Peinlichkeiten und Fettnäpfchen zu vermeiden und auch sonst einen möglichst guten Eindruck zu machen. Zum Glück gab es zwischendurch wenigstens noch eine kurze Verschnaufpause, da wir noch das für uns angemietete Zimmer in der örtlichen Freizeiteinrichtung beziehen mußten. Dennoch wurde es ein sehr langer und anstrengender Abend, aber zumindest hat mich niemand gefressen oder in der Luft zerrissen.

Nachdem auf diese Weise der schlimmste Teil überstanden war, haben wir uns am nachfolgenden Freitag für einige Stunden verdrückt und eine Freundin meiner Liebsten in Weißwasser besucht. Diese haben wir zunächst mit einem großen Obstkorb beschenkt und sie dann zu ihrer Überraschung zum Geocaching mitgeschleppt. Was sie letzten Endes davon gehalten hat, ist mir nicht ganz klar, aber jedenfalls sind wir auf diese Weise allesamt etwas an die frische Luft gekommen, was uns zwischen den ganzen Feierlichkeiten sicherlich einmal ganz gut tat. Außerdem haben wir uns gemeinsam noch ein Bißchen das mittlerweile endlich weitgehend renovierte Schloß und den Schloßpark des Fürsten Pückler in Bad Muskau angesehen.

Mittlerweile war noch mehr Verwandtschaft eingetroffen, so daß ich so langsam begann, den Überblick zu verlieren. Nach einem ausgiebigen Abendessen wurde der Abend mit Bowling verbracht, wobei ich zwar die weniger sportlichen Teilnehmer deutlich abhängen konnte, jedoch den "Profis" wie gewohnt nicht das Wasser reichen konnte. Auch Bowling ist eben nicht so ganz meine Sportart, aber ich habe ja auch niemals behauptet, ein besonders sportlicher Typ zu sein. Am Samstagvormittag ging es dann zu einer ganz individuellen Führung ins Braunkohle-Kraftwerk Boxberg, in dem beide Eltern meiner Liebsten arbeiten. Für mich persönlich stellte dies einen der Höhepunkte des Wochendes dar, über den ich bei Gelegenheit noch separat berichten werde.

Der Samstagabend sollte schließlich den krönenden Abschluß der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag der Gastgeberin darstellen. Mittlerweile waren anscheinend noch mehr Verwandte erschienen, dazu auch noch diverse Nachbarn und Arbeitskollegen, und damit wußte nunmehr auch meine Liebste mit der Mehrzahl der Gäste nicht mehr viel anzufangen. Ein opulentes Festmahl unter anderem mit Wildgerichten wurde aufgetischt, und daran anschließend verlustierte sich ein nicht unerheblicher Teil der Belegschaft erneut beim Bowling, während der Rest in kleinen und größeren Grüppchen über dies und jenes schwatzte.

Für mich begann der Abend zu diesem Zeitpunkt, etwas langweilig zu werden, was sich auch durch das spätere Auftauchen von schätzungsweise 20 weiteren Arbeitskollegen des Geburtstagskindes nicht gravierend änderte. Schließlich hatte ich mit den meisten der Anwesenden absolut kein gemeinsames Gesprächsthema, und die wenigen anderen waren die meiste Zeit über von anderen Leuten belagert. Besonders einer der Kollegen nervte im wahrsten Sinne des Wortes "tierisch" durch irgendwelche Stories über seine offenbar als Hobby betriebene Tierzucht, so daß mir irgendwann nichts anderes mehr übrig blieb, als das Weite zu suchen, bevor es mir dermaßen auf den Kranz gegangen wäre, daß ich unhöflich hätte werden müssen. Statt dessen habe ich mich dann lieber durch die interessanteren Teile der Getränkekarte gearbeitet.

Auch das als große Überraschung und nach ganz viel vorheriger Geheimniskrämerei dargebrachte Geburtstagsständchen der Arbeitskollegen für die Gastgeberin mit selbst verfaßtem Text vermochte den Abend irgendwie nicht mehr so ganz herauszureißen. Wobei ich mich immer noch frage, wieso die Kollegen der Meinung waren, in ihrem Ständchen ausdrücklich vor der Tochter des Geburtstagskindes warnen zu müssen. Tja, Leute, das hättet Ihr mir wohl besser vorher sagen müssen, immerhin bin ich inzwischen schon seit Anfang Februar mit ebendieser Tochter zusammen. Jedenfalls vermochten die selbsterkannten Musikanten den berühmten Satz "Singe, wem Gesang gegeben" leider nur zur Hälfte zu erfüllen, so daß ich ganz froh war, als sie damit fertig waren. Einige Zeit später war es dann überstanden, und wir fielen todmüde und erschöpft ins Bett.

Der darauffolgende Morgen war bereits komplett von Abreisestimmung beherrscht. So ziemlich alle Anwesenden (mittlerweile "nur" noch die doch ziemlich weitläufige Familie) wirkten von den Feierlichkeiten erschöpft. So wurden beim Frühstück relativ still und leise die reichlich vorhandenen Reste vom Abendessen vertilgt. Obwohl meine Liebste und ich mit Abstand die weiteste Heimreise hatten, blieben wir am längsten und reisten erst kurz vor dem Mittag ab. Unsere Gastgeber schienen von der ganzen Anstrengung dermaßen fix und alle zu sein, daß es zu keiner ausführlichen Verabschiedung mehr reichte. So machten wir uns denn auf den langen und zeitraubenden Rückweg, allerdings nicht ohne zuvor noch mit gefühlt einem halben Kofferraum voll selbstgebackenem Christstollen ausgestattet worden zu sein.

Auf diese Weise fand ein langes Wochenende sein relativ ruhiges Ende. Na ja, was heißt hier eigentlich "Ende" - schließlich mußte ich, nachdem ich von Donnerstag bis Sonntag die volle Familien-Dröhnung abbekommen hatte, uns noch bis ins Ruhrgebiet zurück fahren und zwischendurch obendrein noch einen mehrstündigen Zwischenhalt zu Hause in Bielefeld einlegen, weil ich noch meine Umsatzsteuervoranmeldung für November abgeben mußte (denn vor dem 10. Dezember komme ich nicht mehr nach Hause, wo ich alle dafür benötigten Unterlagen beisammen habe). Aber auch das hat irgendwie noch funktioniert. Vollkommen erledigt fielen wir kurz vor Mitternacht ins Bett - was aber natürlich nicht heißt, daß ich heute nicht gleich schon wieder in aller Herrgottsfrühe hätte aufstehen müssen.

Wenigstens scheine ich die gleichzeitige Vorstellung bei praktisch der gesamten Familie meiner Liebsten einigermaßen unbeschadet überstanden zu haben. Ich habe mich nicht blamiert, niemand hat mir offene Ablehnung entgegengebracht, vielleicht mag mich sogar der eine oder andere, aber um das wirklich herauszufinden, war die Zeit zu knapp und die Menge der geladenen Gäste nun auch wieder eindeutig viel zu groß. Was allerdings derartige monströse Feierlichkeiten im größtmöglichen Kreise angeht, so mußte ich wieder einmal feststellen, daß mir diese doch einigermaßen zuwider sind. Wenn wir irgendwann auf die Idee kommen, zu heiraten, sollten wir uns dafür dringend irgendeinen Modus überlegen, bei dem allein schon die gewählte Örtlichkeit die Zahl der teilnehmenden Personen drastisch einschränkt. Vielleicht in einem Heißluftballon. Oder in einem Mini-U-Boot. Oder in einer Mondrakete...

Samstag, 29. August 2009, 12:18

Erkenntnisse aus einem Labyrinth

Gestern Abend haben Felis und ich zusammen den Film Pans Labyrinth gesehen. Danach war ich erst einmal für mindestens eine halbe Stunde nicht mehr in der Lage, irgendein Wort zu sagen. Vielleicht auch für länger, aber mir ist in dem Moment irgendwie jedes Zeitgefühl abhanden gekommen. Und auch jetzt fühle ich mich noch völlig fertig.

Felis sieht in diesem Film ja etwas, das einem Kraft und Hoffnung geben kann. Etwas, das einen ermutigen soll, trotz allen Widrigkeiten und des bösartigen Realismus' der Welt um einen herum die Phantasie nicht aufzugeben. Etwas, das einen dazu bringen kann, das Positive zu sehen und den Glauben in die Zukunft nicht zu verlieren.

Ich kann diese Einschätzung leider überhaupt nicht teilen. Bei mir erweckt dieser Film eher den Wunsch, mich auf der Stelle zu erschießen. Jedenfalls macht er mich zutiefst depressiv. Wo ist denn hier die vielgepriesene Macht der Phantasie? Was bewirkt sie Gutes? Mir sagt der Film eigentlich nur, daß es völlig sinnlos ist, zu versuchen, seine Träume zu leben, weil einen letzten Endes die Wirklichkeit doch gnadenlos wieder einholt.

Abgesehen von seiner teilweise doch ziemlich grausamen Gewaltdarstellung deprimiert der Film vor allem dadurch, daß im Laufe der Handlung fast alle, die irgendwie als gut, positiv, moralisch integer oder auch nur schlicht und einfach unschuldig sind, dafür sterben müssen. Zwar wird am Ende auch der Bösewicht getötet, aber zuvor hat er und hat damit die Härte der Realität gegenüber so ziemlich allem triumphiert, was in der im Film dargestellten Welt erhaltenswert gewesen wäre.

Und die Phantasie? Die hat letzten Endes keinerlei wirkliche Macht. Zwar versucht der Pan, der ja im Mittelpunkt von Ophelias kleinem Ausschnitt der Anderswelt steht, im Mittelteil des Films, Ophelias Mutter zu helfen. Allerdings wird dabei noch nicht einmal klar, ob es sich dabei um einen wirklichen helfenden Eingriff handelt oder die ganze Sache lediglich nur der Einbildung des Mädchens entspringt.

Als am Ende des Films jedoch wirklich echte, konkrete Hilfe gefordert ist, erweist sich die Welt der Phantasie als vollkommen hilflos und machtlos. Der Pan kann Ophelia nicht retten, und eigentlich gerät sie erst dadurch, daß sie ihm folgt, überhaupt in die für sie tödliche Situation. Wäre sie einfach im Bett geblieben, hätten die Guerillas sie gerettet. Nur dadurch, daß sie ihrer Phantasie gefolgt ist, wird sie am Ende erschossen, bevor die Hilfe kommt.

Nun könnte man sicherlich sagen: Das Gute hat doch gesiegt, denn zum einen wird das Böse ausgelöscht, zum anderen sind alle (verstorbenen) Guten sich selbst treu geblieben. Und sie haben zumindest alle im Tode ihre Freiheit gefunden. Der Doktor, weil er dem Bösewicht mit seinen letzten Worten die Wahrheit gesagt hat. Ophelia, weil sie sich von ihrem Stiefvater in letzter Konsequenz nicht hat bestimmen und einschüchtern lassen.

Mit ist diese Einstellung entschieden zu christlich. Erinnert mich zu sehr an ach so glorreiche Märtyrertode. Oder auch an literarische Figuren wie zum Beispiel Lessings Emilia Galotti, deren moralische Konsequenz mir persönlich zutiefst zuwider ist. "Wer kann der Gewalt nicht trotzen?" Klar - indem man sich ihr ausliefert und sich von ihr vernichten läßt. Letzten Endes ist auch das doch auch alles nur eine beschönigende, selbstbetrügerische Form des Aufgebens.

Mir hat der Film jedenfalls im Endeffekt überhaupt nicht gefallen. Nicht, daß er irgendwie dazu angelegt wäre, gefällig zu sein, nein, das meine ich nicht. Mich hat er in ganz anderer Weise enttäuscht. Ich persönlich ziehe gerne Kraft aus Geschichten, die mir wirklich zeigen, daß Hoffnung, daß Glaube an die Zukunft, daß Phantasie nicht sinnlos sind. Sollte dies jemals die Intention des Regisseurs gewesen sein, so hat er dieses Ziel zumindest bei mir gnadenlos verfehlt. Mich hat der Film verängstigt und zutiefst getroffen. Es wird eine ganze Weile dauern, bis ich wieder in der Lage sein werde, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen.